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Prokrastination
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»Aufschieberitis« kann kognitiven Abbau anzeigen

Zwei weit verbreitete Verhaltensweisen können auf kognitive Risiken hinweisen und zugleich den Weg zur Abklärung erschweren: das beharrliche Aufschieben von Aufgaben und die gezielte Vermeidung von Gesundheitsinformationen.
AutorKontaktBrigitte M. Gensthaler
Datum 04.05.2026  13:57 Uhr

Wer Aufgaben immer wieder vor sich herschiebt anstatt sie anzupacken und zu erledigen, hat möglicherweise ein kognitives Problem. Ein Forschungsteam der Maynooth University, Irland, fand bei einer Analyse der US-amerikanischen Health and Retirement Studie heraus, dass das beharrliche Aufschieben von Aufgaben, auch Prokrastination genannt, ein frühes Warnzeichen sein kann. Erfasst wurden Daten von 549 Erwachsenen ab 60 Jahren über einen Zeitraum von sechs Jahren (DOI: 10.1002/dad2.70245).

Die Ergebnisse zeigen, dass Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen (MCI) oder mit Demenz deutlich mehr zur Prokrastination neigen als kognitiv gesunde Personen. Zwischen MCI- und Demenzgruppe gab es keine wesentlichen Unterschiede. Außerdem korrelierte ein höherer Prokrastination-Score mit einem Fortschreiten der geistigen Schwäche, besonders bei Personen ab 80 Jahren.

Die Forschenden vermuten, dass das zögerliche Anpacken von Aufgaben bereits sehr früh im neurodegenerativen Prozess beginnt. Es könnte ein Anzeichen angst- oder stressbedingter Vermeidung sein: Die Betroffenen schieben Aufgaben nicht aus Unlust auf, sondern weil ihre Fähigkeit schwindet, Entscheidungen zu treffen und Handlungen zu planen. Damit könne es ein früher verhaltensbezogener Marker für den kognitiven Abbau sein, ebenso wie Antriebslosigkeit und Apathie.

Angst vor zu viel Information

Jeder Mensch hat ein Recht auf Nichtwissen. Jedoch könnte die Vermeidung medizinischer Informationen auch eine bewusste Schutzreaktion sein. In einer systematischen Übersichtsarbeit werteten Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin dazu 92 Studien mit mehr als 564.000 Teilnehmenden aus 25 Ländern aus (DOI: 10.1093/abm/kaaf058).

Etwa ein Drittel der Menschen mied medizinische Informationen oder neigte zu diesem Verhalten. Besonders hoch war der Anteil, wenn es um nicht-behandelbare neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer-Demenz und Chorea Huntington ging: Hier vermieden 40 Prozent der Teilnehmenden, sich zu informieren. Dies sind deutlich mehr als bei schweren, aber behandelbaren Erkrankungen wie HIV (32 Prozent) oder Krebs (29 Prozent). Am niedrigsten war das Vermeidungsverhalten bei chronischen, gut behandelbaren Erkrankungen wie Diabetes (24 Prozent).

Die Autoren identifizierten 16 Schlüsselfaktoren für die Vermeidung medizinischer Informationen. Die stärksten Treiber waren nicht Geschlecht, Herkunft oder ethnische Zugehörigkeit, sondern emotionaler und kognitiver Art: Misstrauen in das Gesundheitssystem, Informationsüberladung, geringe Selbstwirksamkeit und Angst vor Stigmatisierung.

In der Zusammenschau zeigten beide Studien, warum der Weg zur Diagnose einer kognitiven Dysfunktion oft steinig sei, heißt es in einer Pressemeldung des Digitalen Demenzregisters Digidem Bayern. Einerseits sorge die beginnende Erkrankung dafür, dass wichtige Erledigungen und Arztbesuche aufgeschoben werden; andererseits erschwerten Ängste, dass Menschen sich fundiert informieren. Für die Praxis bedeute dies: Eine niedrigschwellige und entstigmatisierende Kommunikation sei entscheidend, um die Angst vor der Information zu lindern und frühzeitig Unterstützung zu ermöglichen.

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