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Fetales Alkohol-Syndrom

Aufklärung ist die einzige Prävention

»Alkohol ist ein absolutes No-Go in der Schwangerschaft«: Das machte Professor Dr. Hans-Ludwig Spohr beim Frühjahrskongress der Apothekerkammer Schleswig-Holstein am 23. März im Ostseebad Damp deutlich. Auch Apotheker können zur Aufklärung beitragen.
Christiane Berg
28.03.2019
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Dringende Aufgabe von Ärzten und Apothekern sei es, nicht nur werdende Mütter, sondern die breite Öffentlichkeit über die schädlichen Auswirkungen des Alkoholkonsums für das werdende Leben zu informieren. »Nur auf diesem Weg kann eine definitive und wirksame Prävention geleistet werden«, betonte der Mediziner aus Berlin, der als in dieser Hinsicht »unermüdliche Mahner« gilt.

Vor 35 Jahren, so Spohr, haben die Kinderärzte D. Jones und D. Smith in den USA erstmalig das bis dahin unbekannte »Fetale Alkohol-Syndrom« (FAS) als auffälliges Muster kraniofazialer Fehlbildungen und zentralnervöser Dysfunktionen an elf Kindern beschrieben, deren Mütter chronisch alkoholkrank waren und während der Schwangerschaft tranken. Die Forscher hätten damit ein Krankheitsbild dokumentiert, das durch Fehlbildungen von Kopf und Gesicht, Wachstumsretardierung, verzögerte mentale und psychomotorische Reifungsprozesse sowie großes individuelles Leid gekennzeichnet ist.

In Deutschland kommen jährlich schätzungsweise 3000 bis 4000 Neugeborene mit dem Vollbild eines FAS zur Welt. »Sie werden in der ärztlichen Praxis noch ungenügend erkannt«, so Spohr. Er machte deutlich, dass die unentdeckten Fälle sicher weit in der Überzahl sind. Vermutlich werden jedes Jahr in Deutschland insgesamt mehr als 12.000 Kinder mit unterschiedlicher Ausprägung einer Fetalen Alkohol-Spektrums-Störung (FASD) geboren.

Die Diagnosefindung werde durch zwei Faktoren erschwert: Zum einen seien heute viele betroffene Frauen polytoxikoman, da sie neben Alkohol auch Nikotin, Tabletten und andere, auch illegale Drogen missbrauchen. Zum anderen lebe die große Mehrheit der FASD-Kinder wegen der zuvor zumeist erfahrenen Vernachlässigung nicht bei den leiblichen Eltern, sondern in Pflege- oder Adoptionsfamilien. Über die Hintergründe der Trennung der Kinder von ihren leiblichen Eltern – den chronischen Alkoholmissbrauch – seien die Pflegeeltern in den wenigsten Fällen informiert. Damit verliere sich vor allem bei älteren Kindern oder Jugendlichen oft die einzige Spur, die zur Diagnose führt.

Ob kognitive oder sprachliche Störungen, Hyperaktivität, fehlende Konzentration und starke Vergesslichkeit, Neigung zu heftigen Wut-Ausbrüchen oder mangelnde Organisationsfähigkeiten: Die verheerenden persistierenden Folgen der intrauterinen Alkoholexposition seien heute durch Langzeitstudien belegt. »Sie zeigen, dass die Erkrankung unabhängig vom Schweregrad mehrheitlich mit Einschränkungen einer selbstständigen Lebensführung im Erwachsenenalter einhergeht«, so Spohr.

Die Pathogenese der FASD sei noch nicht geklärt. Als Ursache für die pränatalen Alkoholschäden werden unter anderem durch Transmitterstörungen verursachte apoptotische Neurodegenerationen des sich entwickelnden Feten diskutiert. »Eine kausale Therapie gibt es nicht«, betont Spohr. Wichtig seien deshalb neben Prävention und Aufklärung eine frühe Diagnose, die Einrichtung professioneller Pflegeschaften oder Adoptionen, sprich: eine sicheres Zuhause sowie eine intensive psychosoziale Behandlung und Beratung hinsichtlich Schulwahl und Ausbildung bei stützender Begleitung auch in späteren Lebensjahren.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt:  kein Tropfen Alkohol während der gesamten Schwangerschaft. Frauen mit Kinderwunsch sollten bereits ab dem Zeitpunkt, wenn eine Empfängnis versucht wird, alkoholfrei leben.

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