Atemstillstand könnte auch zentrale Ursache haben |

Viele Untersuchungen zeigen, dass Coronaviren auch in das zentrale Nervensystem beziehungsweise das Gehirn eindringen können. / Foto: Adobe Stock/SciePro
In einer Pressemeldung nimmt die Fachgesellschaft Bezug auf eine im »Journal of Medical Virology« veröffentlichte Arbeit einer Forschergruppe um Yan-Chao Li von der Jilin University in China. Demnach könnte ein Atemstillstand auch neural bedingt sein. Eine Beteiligung des Hirnstamms und des Atemzentrums könnte eine Rolle spielen. Unbekannt sei bisher, wie häufig so etwas auftritt.
Laut Professor Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), gibt es zahlreiche Arbeiten, die zeigen, dass Coronaviren in das zentrale Nervensystem beziehungsweise das Gehirn eindringen können, insbesondere in den Hirnstamm. »Dort befinden sich wichtige Steuerzentralen von Vitalfunktionen wie das Atemzentrum. Eine durch Viren ausgelöste Dysfunktion könnte einen Atemstillstand begünstigen, auch ohne Lungenentzündung«, so Berlit.
Wie die DGN mitteilt, wurde die neurale Beteiligung bereits während der SARS-CoV-Epidemie Anfang des Jahrtausends beobachtet. Damals fand man Coronaviren auch in Gehirnzellen, nicht aber in den benachbarten Blut- oder Lymphbahnen, was für einen Infektionsweg über die Nervenzellen und nicht über Blut- oder Lymphgefäße spricht. Tierexperimentell konnte der neurale Infektionsweg bereits nachgewiesen werden: Er verläuft von der Nasenschleimhaut über freie Nervenendigungen bis zum Gehirn. Die Viren werden dabei von Neuron zu Neuron über die Synapsen weitergegeben.
Die aktuelle Arbeit hat einen weiteren Hinweis auf diesen möglichen, weiteren Pathomechanismus geliefert: Tiere, die mit dem MERS-Virus, ebenfalls einem Coronavirus, infiziert waren, verstarben, ohne überhaupt Atemwegssymptome entwickelt zu haben. Die Viren fanden sich bei diesen Tieren nur im Gehirn, nicht aber in der Lunge.
Auch in der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie wird laut DGN vielfach berichtet, dass Patienten schwer erkranken, sogar versterben, ohne zuvor respiratorische Symptome entwickelt zu haben. »Aus neurologischer Sicht ist es wichtig, abzuklären, wie groß die Rolle der Hirnstammbeteiligung bei Covid-19-Patienten tatsächlich ist, also wie viele der schweren Krankheitsverläufe auf das Konto des neuralen Pathomechanismus gehen. Wir hoffen, dass die großen internationalen Covid-19-Register zeitnah Daten dazu liefern«, sagt Berlit.
Der neuroinvasive Potenzial der Viren könnte übrigens auch erklären, warum bei Covid-19-Erkrankungen neben den typischen Krankheitszeichen wie Fieber und Husten auch neurologische Symptome wie der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Bewusstseinsstörungen auftreten.
Seit 2002 sind Coronaviren auch Nicht-Fachleuten bekannt. Vertreter dieser Virusfamilie lösten damals eine Pandemie aus: SARS. Ende 2019 ist in der ostchinesischen Millionenstadt Wuhan eine weitere Variante aufgetreten: SARS-CoV-2, der Auslöser der neuen Lungenerkrankung Covid-19. Eine Übersicht über unsere Berichterstattung finden Sie auf der Themenseite Coronavirus.