Notaufnahmeapotheker sind ein großer Mehrwert für die Krankenhauspharmazie. Noch fehlt es aber an vielen Stellen an den benötigten Rahmenbedingen. / © Universitätsmedizin Mainz/Peter Pulkowski
Die internistische Notaufnahme ist ein hochdynamisches und zeitkritisches Versorgungssetting. Viele Patienten sind multimorbid und haben eine Polymedikation, die mit einem erhöhten Risiko für ABP einhergeht. Häufig liegen pro Notaufnahmepatient mehrere ABP gleichzeitig vor.
Wegen der begrenzten zeitlichen und personellen Ressourcen ist es jedoch weder realistisch noch sinnvoll, alle identifizierten Probleme unmittelbar lösen zu wollen. Vielmehr sollten die ABP nach Relevanz kategorisiert und daraus eine Lösungspriorität abgeleitet werden.
In einer randomisierten, kontrollierten Studie in der internistischen Notaufnahme der Universitätsmedizin Mainz wurden ABP identifiziert, interdisziplinär konsentiert und nach den Relevanzgraden »hoch« (sofort zu lösen), »moderat« (während des Krankenhausaufenthalts zu lösen) und »unbedeutend« (nach Entlassung zu lösen) eingestuft.
Die Einstufung der konsentierten ABP und die daraus resultierenden Maßnahmen erfolgten in der Interventionsgruppe unmittelbar nach einer umfassenden pharmazeutischen Medikationsanalyse im gemeinsamen Gespräch von Notaufnahmeapotheker und -oberarzt. Die Strategie führte zu einer signifikanten Reduktion ungelöster hochrelevanter ABP in der Interventionsgruppe gegenüber der Kontrollgruppe (retrospektive erweiterte Medikationsanalyse): 0,43 pro Patient versus 1,65 pro Patient.
Die Relevanzeinschätzung basierte auf definierten klinischen Kriterien: einem wahrscheinlichen kausalen Zusammenhang zwischen ABP und Diagnose, dem potenziellen Schweregrad anhand möglicher Patientenschäden, einem strukturierten Medikationsabgleich nach Standardarbeitsanweisung der internistischen Notaufnahme sowie der Berücksichtigung vergleichbarer vorangegangener Ereignisse des Patienten. Die Bewertung erfolgte evidenzbasiert, nachvollziehbar und interdisziplinär.
Für die Krankenhauspharmazie bedeutet dieses Vorgehen einen entscheidenden Schritt von der reinen Identifizierung hin zur relevanzbezogenen Lösung der ABP. Pharmazeutische Empfehlungen werden gezielt auf patientengefährdende ABP fokussiert und durch interdisziplinäre Zusammenarbeit zeitnah umgesetzt.
International ist der Notaufnahmeapotheker in dieser Rolle bereits vollständig oder teilweise etabliert. In den USA ist der »Emergency Pharmacist« fester Bestandteil des Notfallteams, in Großbritannien und mehreren EU-Staaten bestehen teilimplementierte Modelle. In Deutschland sind Notaufnahmeapotheker bisher fast ausschließlich projektbasiert, ohne verbindliche Leitlinien oder strukturierte Aufgabenprofile tätig.
Ein wesentliches Defizit besteht darin, dass es bislang keine etablierte Möglichkeit gibt, die Behandlungsrelevanz von ABP und deren Interventionen patientenbezogen systematisch zu kategorisieren. Ein validiertes Scoring-Tool könnte die interdisziplinäre Entscheidungsfindung unterstützen und Ressourcen gezielter lenken. Aufgabenbereiche und Handlungsempfehlungen für den Notaufnahmeapotheker sind bisher nicht definiert. Parallel fehlt in Deutschland eine spezifische Fachweiterbildung. Die Etablierung eines Fachapothekers für Intensiv- und Notfallmedizin wäre ein zentraler Schritt zur Professionalisierung und Qualitätssicherung.
Die interdisziplinäre Relevanzkategorisierung von ABP und Festlegung geeigneter Maßnahmen ist ein wirksames Instrument zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit in der Notaufnahme. interdisziplinäre Relevanzkategorisierung von ABP und Festlegung geeigneter Maßnahmen, bedarf es validierter Priorisierungsinstrumente, definierter Handlungsempfehlungen und strukturierter Möglichkeiten zur Spezialisierung als Notaufnahmeapotheker.