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Interview zum E-Rezept

Apotheker liefern einheitliche Lösung

Die Apothekerverbände präsentieren ihre eigene technische Lösung für das E-Rezept. Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands, Fritz Becker, und ABDA-Vizepräsident Mathias Arnold erläutern die Details im PZ-Interview.
Jennifer Evans
Ev Tebroke
08.05.2019
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PZ: Sie haben eine technische Lösung für das E-Rezept entwickelt. Wie sieht diese konkret aus?

Becker: Wichtig war für uns, dass der Berufsstand selbst eine Lösung präsentiert. Der Weg dahin war zwar ein langer und ein kontrovers diskutierter. Aber ich bin überzeugt, dass daraus eine gute Lösung entstanden ist. Während wir als Gesellschafter der Gematik in den dortigen Gremien maßgeblich die Standards für das künftige E-Rezept mit vorantreiben, entwickelt der DAV nun parallel eine neutrale Web-App für die Patienten. Dabei ist uns wichtig, dass alle Apotheken gleichrangig und wettbewerbsneutral an diese Web-App des DAV angeschlossen werden können. 

Gleichzeitig achten wir darauf, dass ein Makeln mit E-Rezepten künftig ausgeschlossen werden kann, also kein Geschäftsmodell aus dem E-Rezept entsteht. Auch soll die Lösung so niedrigschwellig wie möglich sein, sprich: jeder Patient soll sie mit jedem Endgerät nutzen können – ohne komplizierte Installation oder Registrierungen.

 

PZ: Wie muss man sich die Web-App grundsätzlich vorstellen, die der DAV nun entwickelt?

Arnold: Ganz einfach gesagt werden wir ein Angebot schaffen, das es auf Mobiltelefonen ebenso wie auf Tablets oder PCs komfortabel ermöglicht, eine Apotheke zu suchen, mit ihr auf verschiedenen Wegen Kontakt aufzunehmen, Fragen zu stellen und Arzneimittel vorzubestellen. Das Besondere – neben der Tatsache, dass man sich bei unserer Lösung keine Software installieren oder sich vorab registrieren muss – ist vor allem, dass diese Web-App bereits darauf vorbereitet sein wird, ab der Einführung des E-Rezepts dieses in der Arztpraxis entgegenzunehmen und zur Vorbestellung an die Apotheke des Vertrauens zu übermitteln.

PZ: Aber erst noch einmal einen Schritt zurück: Wie gelangt das E-Rezept vom Arzt in die Apotheke?

Arnold: Das E-Rezept wird auf einem zentralen Server liegen. Das ist ein Ansatz, der sich weltweit herauskristallisiert hat. Mittlerweile ist man weg von dem Gedanken, dass der Patient die Informationen auf einer Karte mit sich herumträgt. Der Arzt stellt also das E-Rezept aus und schickt es verschlüsselt an den Zentralserver. Von dort holt die Apotheke es sich – ebenfalls in verschlüsselter Form – wieder ab, sobald sie vom Patienten dazu ausgewählt und autorisiert worden ist. Unstrittig ist, dass die Gematik diesen Server verantworten wird.

PZ: Behält der Patient in diesem Prozess den Überblick über seine Daten auf dem E-Rezept?

Arnold: Natürlich muss der Patient die Möglichkeit haben, das E-Rezept zu lesen, bevor es in der Apotheke landet. Und er wird auch entscheiden können, in welcher Apotheke er es einlösen möchte. Das heißt, der Patient benötigt einen Überblick über wesentliche Inhalte des E-Rezepts. Auch muss er letztlich sogar das Recht behalten, das Rezept nicht einzulösen – ohne dass diese Entscheidung jemand mitbekommt. Wichtig ist zudem, dass der Patient vorher abklären kann, ob ein bestimmtes Präparat überhaupt in der Apotheke seiner Wahl vorrätig ist oder ob er es an seinem Urlaubsort abholen kann. Für all diese Konstellationen ist eine gut funktionierende Infrastruktur nötig.

PZ: Wie kommt der Patient mithilfe der künftigen Web-App des DAV an sein Rezept?

Arnold: Der Patient bekommt vom Arzt einen Schlüssel, also einen alphanumerischen Code, für seine Verordnung – digital oder als Ausdruck. Gleichzeitig stehen dem Patienten in der Web-App, an der wir nun arbeiten, einige wesentliche Informationen zur Verfügung, mit denen er den Überblick behält, die Verfügbarkeit in der Apotheke seines Vertrauens abfragen und ein Arzneimittel bestellen kann. Zur vollständigen Einsichtnahme in ein E-Rezept kann der Patient sich gesondert über einen sogenannten zweiten Faktor legitimieren. Natürlich wird das E-Rezept für den Patienten lediglich lesbar, aber nicht veränderbar sein.

PZ: Wie sieht der Ablauf in der Apotheke aus?

Arnold: Der Patient beauftragt mit dem Schlüssel vom Arzt mithilfe unserer Web-App eine Apotheke seiner Wahl, das E-Rezept zu verarbeiten. Ausgewiesen über seinen Heilberufsausweis kann der Apotheker sich dann das Originaldokument vom Gematik-Server abholen. Während die Apotheke die Rezeptdaten verarbeitet und das Arzneimittel abgibt, erstellt sie zusätzlich einen Abrechnungsdatensatz. Auf dem steht dann vor allem dasjenige Präparat, das der Apotheker tatsächlich abgegeben hat. Das kann von der Verordnung abweichen, wenn man sich etwa an Rabattverträge halten muss, der Patient Unverträglichkeiten hat oder ein Produkt einfach nicht lieferbar ist. Am Ende wird der Verordnungsdatensatz des Arztes mit dem Abrechnungsdatensatz der Apotheke verbunden und alles zusammen geht über das Rechenzentrum an die Krankenkasse. Den Abrechnungsdatensatz sieht der Patient allerdings nicht.

PZ: Auf welche Weise merkt der Apotheker, dass eine E-Rezept-Anfrage bei ihm eingeht?

Arnold: Natürlich kann der Patient – wie bisher auch – ganz normal in die Apotheke kommen und den Rezeptschlüssel persönlich vorlegen. Oder er schickt ihn eben über die Web-App. In jedem Fall ist es das Ziel, die Anfrage-Information direkt in das Software-System der Apotheke zu integrieren. Bis das seitens der Softwarehäuser funktioniert, könnte etwa ein automatisierter Anruf den Apotheker auf eine eingegangene Anfrage hinweisen. So kann er schnell prüfen und antworten, ob und wann er ein Medikament liefern kann. Für diesen Zweck wird unsere Anwendung auch über einen sicheren, verschlüsselten Messenger-Dienst verfügen.

PZ: Wie wollen Sie dem Patienten den Schritt in die E-Rezept-Welt erleichtern?

Arnold: Wir entwickeln unsere Web-App so, dass die Bedienung ausgesprochen simpel ist und es dem Patienten leichtmacht, die Neuerung anzunehmen. Wir haben nach einer Lösung gesucht, bei der es möglichst wenig Akzeptanzprobleme gibt, die also verbraucherfreundlich ist. Dazu gehört, dass die Anwendung nicht nur auf iPhones und Android-Smartphones funktioniert, sondern auch auf jedem Tablet und PC. Zudem wollten wir vermeiden, dass der Patient erst noch eine Software aus dem Netz auf sein Gerät laden muss oder gar vorab seine Adresse, seinen Geburtstag oder Allergien angeben muss.

PZ: Wie fälschungssicher ist das E-Rezept?

Arnold: Sobald ein Arzt das E-Rezept ausgestellt und auf dem Gematik-Server hinterlegt hat, ist es nicht mehr veränderbar. Zudem hat es einen Zeitstempel und kann daher, wie jetzt auch, verfallen. Grundsätzlich wird es dem Apotheker im Alltag Zeit sparen. Formfehler wie etwa eine fehlende Unterschrift oder ein falsches Datum sind von vornherein aufgrund der Eingabevorgaben beim Arzt ausgeschlossen. Um Missbrauch etwa bei minderjährigen oder betreuungsbedürftigen Personen auszuschließen, wird unsere E-Rezept-Lösung auch noch weitere Sicherheitsmaßnahmen enthalten.

PZ: Wer soll die Web-App des DAV betreiben?

Arnold: Theoretisch kann sie vom Staat betrieben werden oder im Rahmen der Selbstverwaltung von der Gematik. Auch könnte der Staat die Apothekerverbände beleihen, wie beim Nacht- und Notdienstfonds des DAV Doch ganz gleich, wer das Konzept letztlich technisch umsetzt: Wenn wir mit diesem Vorschlag zur Politik gehen, ist vor allem die Akzeptanz unseres Konzepts ausschlaggebend. Wir brauchen mindestens 80 Prozent der Apotheken in Deutschland als Teilnehmer, damit der Verbraucher das Werkzeug flächendeckend und diskriminierungsfrei nutzen kann.

Becker: Besser wäre eine Akzeptanz von mehr als 90 Prozent. Denn viele Anbieter mit neuen Ideen gehen zum Staat und wollen ihre eigenen Lösungen umsetzen. Ein wichtiges Argument für eine Verbändelösung ist jedoch, dass wir neutral an die Sache herangehen, weil hinter unserem Konzept kein betriebswirtschaftliches Interesse steckt, das E-Rezept an sich als Geschäftsmodell für ein bestimmtes Unternehmen zu nutzen.

PZ: Kann Ihr Konzept auch scheitern?

Becker: In unserer schnelllebigen Zeit kann einem im Bereich von E-Health niemand garantieren, was in einem oder zehn Jahren Erfolg haben wird. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

PZ: Wird der Patient mit der Web-App künftig sein E-Rezept auch im europäischen Ausland einlösen können?

Arnold: Das hängt im Moment noch davon ab, wie in europäischen Maßstäben die Verschlüsselung und die Schnittstellen gestaltet werden und in welchem Land was genau auf dem E-Rezept stehen wird.

»Gesundheitsdaten sind keine Ware«
Mathias Arnold

PZ: Hat die Konkurrenz nicht ähnliche E-Rezept-Lösungen in der Schublade?

Arnold: Sicher, andere Lösungen existieren. Viele sind nicht bis zu Ende gedacht oder sie haben derzeit wenig Akzeptanz im Markt. Wir als Heilberufler haben allerdings eine andere Motivation, weil wir Gesundheitsdaten nicht als Ware betrachten. Wir wollen den Patienten nicht noch gläserner machen und seine Gesundheitsdaten nicht mit seinen Einkaufsdaten verknüpfen. Wir verfolgen ganz klar eine niedrigschwellige und sichere Lösung.

PZ: Ist das Bundesgesundheitsministerium über den Stand der Dinge informiert?

Becker: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn weiß, dass wir an einer E-Rezept-Lösung arbeiten. Wir hoffen natürlich, dass wir den Gesetzgeber von unserer Lösung überzeugen können.

PZ: Wie ist nun der weitere Zeitplan? Und wie sollen die Apotheken für die Web-App gewonnen werden?

Arnold: Das System soll im nächsten Jahr laufen. Die Teilnahme der Apotheken soll über ein Online-Einschreibeverfahren geregelt werden, das bis Ende dieses Jahres beendet sein soll. Auf der Einschreibeplattform müssten die Apotheken nur einige Eckdaten für die Kunden hinterlegen, wie etwa ihre Öffnungszeiten, welche Sprachen gesprochen werden oder welche Spezialisierungen sie anbieten, beispielsweise die Herstellung von Zytostatika. Ab sofort ist das Informationsangebot www.dav-app.de freigeschaltet, über das Apotheken sich informieren und ihren Wunsch zur Teilnahme an der Web-App vermerken können.

Becker: Für das DAV-Projekt müssen aber noch die Kooperationsverträge mit den Anbietern und den Landesapothekerverbänden geschlossen werden. Das wird ausführlich auf der DAV-Mitgliederversammlung am 10. Mai in Berlin diskutiert. Ich gehe davon aus, dass wir eine weitgehende Beschlussfassung schaffen.

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