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Kammer Bayern
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Apotheken als »Problem-Löser« bei Suchtfragen

Der Vor-Ort-Apotheke kommt eine besondere Bedeutung als niedrigschwellige Anlaufstelle zur Prävention von Suchtverhalten, vor allem bei Medienkonsum, zu. Davon ist Sonja Mayer, Vizepräsidentin der Bayerischen Landesapothekerkammer, überzeugt.
AutorKontaktMelanie Höhn
Datum 27.04.2026  12:15 Uhr

Parallel zur wachsenden Nutzung digitaler Medien nehmen auch problematische und riskante Konsummuster im Kontext von Suchtentwicklungen zu. Digitale Medien und ihre Nutzung müssen daher in Prävention, Beratung und Behandlung berücksichtigt werden. Das wurde auf dem Bayerischen Suchtforum Ende April deutlich, das die Bayerische Landesapothekerkammer zusammen mit der Bayerischen Landesärztekammer, der Psychotherapeutenkammer Bayern und der Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen veranstaltete. 

Mehr als 25 Prozent aller 10- bis 17-Jährigen zeigen einer Untersuchung zufolge einen riskanten oder krankhaften Medienkonsum, 4,7 Prozent von ihnen gelten als süchtig. »Wir brauchen deshalb einen deutlich stärkeren Kinder- und Jugendmedienschutz«, betonte Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer.

Laut Sonja Mayer von der Bayerischen Landesapothekerkammer kann ein problematischer Medienkonsum oder Mediensucht verschiedene körperliche, psychische oder auch soziale Folgen haben: Verspannungen, Schlafmangel beziehungsweise Schlafprobleme, Aufmerksamkeitsstörungen, Bewegungsmangel bis hin zu Gewichtsproblemen aufgrund ungesunder oder unregelmäßiger Ernährung.

Lotsenfunktion der Apotheken

Junge Menschen seien online auch zunehmend Cybermobbing, sexueller Belästigung, Gewalt, Radikalisierung und dem ständigen Vergleichen mit anderen ausgesetzt, erläuterte Professor Heiner Vogel, Vorstandsmitglied der Psychotherapeutenkammer Bayern. Das könne Ängstlichkeit, Niedergeschlagenheit und Schlafstörungen fördern und mit weiteren Risiken für die psychische Entwicklung einhergehen.

Als erster Schritt sei es wichtig, die Plattformbetreiber für Schutzmechanismen gegen »Endlos-Scrollen, Fakenews, jugendgefährdende Inhalte und digitale Gewalt« stärker in die Verantwortung zu nehmen. Außerdem müsse die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen, insbesondere auch von ihren Eltern, gestärkt werden. Eine Altersbeschränkung für die Nutzung sozialer Medien sei kompliziert, so Vogel: Ein Verbot sozialer Medien könne beispielsweise die soziale Teilhabe einschränken und die Hemmschwelle erhöhen, sich bei Gewalterfahrungen im Netz Hilfe zu holen.

»Umso wichtiger ist es, erste Anzeichen von Suchtverhalten zu erkennen und richtig zu deuten, um frühzeitig gegenzusteuern. Hier kommt uns Apothekerinnen und Apothekern eine wichtige Rolle in der Beratung zu«, verdeutlichte Sonja Mayer. »Im Rahmen unserer Aufklärungs- und Lotsenfunktion können wir Betroffene sowie auch Eltern, Erziehungsberechtigte und Angehörige zu diesem Thema sensibilisieren, ihnen Informationen an die Hand geben und auf mögliche Hilfsangebote verweisen.«

»Früh Warnsignale erkennen«

Vor‑Ort‑Apotheken seien »täglich nah an Menschen, die sich selbst oft noch nicht als gefährdet wahrnehmen«, so Mayer weiter. »Diese Nähe ermöglicht es uns, früh Warnsignale zu erkennen, sensibel anzusprechen und Orientierung zu geben.« Den Apotheken vor Ort komme gemeinsam mit anderen Akteuren im Gesundheitswesen die Aufgabe der »Problem-Vermeider« bis hin zum »Problem-Erkenner« als auch »Problem-Löser« zu.

Für Mayer sind drei Punkte essenziell: Zunächst brauche es Zeit, Qualifizierung und Refinanzierung für das Thema Prävention. »Wenn Apotheken dauerhaft eine tragende Rolle übernehmen sollen, müssen diese Rahmenbedingungen gestärkt werden«, erklärte sie gegenüber der PZ. Zweitens müssten digitale Angebote sinnvoll integriert werden: »Wir brauchen Standards, Schnittstellen und klare Qualitätskriterien für digitale Suchtprävention, damit Apotheken seriöse Angebote empfehlen und in hybride Versorgungspfade einbinden können. KI‑gestützte Tools müssen transparent, sicher und evidenzbasiert sein«, so Mayer. 

Drittens würden gerade junge Menschen, Angehörige oder Personen mit riskantem Konsum von niedrigschwelligen, digitalen und alltagsnahen Formaten profitieren: »Podcasts, chatbasierte Beratung oder just‑in‑time‑Interventionen sollten stärker genutzt und mit der persönlichen Beratung in der Apotheke verzahnt werden«, fordert die Apothekerin.

»Nicht die Technologie per se ist suchtfördernd«

Professor Oliver Pogarell, erster Vorsitzender der Bayerischen Akademie für Suchtfragen, ist aber auch davon  überzeugt, dass die neuen Medien erhebliche Chancen für die Angebote und die Durchführung von Prävention, Beratung und Therapie bieten. Er machte auf dem Suchtforum deutlich, dass ein offener Diskurs geführt werden müsse.

»Telemedizin kann, unabhängig von Ort und Zeit, einen Zugang zu Therapie und Beratung oft erst ermöglichen und moderne Tools können präventiv oder diagnostisch eingesetzt werden und die Selbstkontrolle stärken«, so Pogarell. Außerdem könnten Apps und Online-Communities Unterstützung und Austausch bieten. »Nicht die Technologie per se ist suchtfördernd, sondern die Art der Nutzung. Zu stärken sind Eigenverantwortung und Medienkompetenz, zu fordern ist das Verantwortungsbewusstsein der Anbieter«, so Pogarell.

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