Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Enger Zusammenhang
-
Anstieg der Herz-Kreislauf-Tode infolge von Grippewellen

Wenn im Winter die Zahl der Atemwegserkrankungen steigt, sterben auch mehr Menschen an kardiovaskulären Ursachen. Als sich in und nach der Covid-19-Pandemie der Zeitpunkt der Grippewelle verschob, folgte der Peak bei den Todesfällen dieser Bewegung, wie Daten aus Deutschland zeigen.
AutorKontaktAnnette Rößler
Datum 17.07.2026  09:00 Uhr

Im Jahr 2020 hatte das Coronavirus Deutschland fest im Griff: Um die Ausbreitung des Erregers einzudämmen, gab es Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht und andere Hygieneregeln. Dadurch wurde auch die Verbreitung anderer Atemwegserreger verhindert, sodass die Grippesaison des Winters 2020/2021 nahezu komplett ausfiel.

Wie hat sich das auf Timing und Heftigkeit nachfolgender Grippesaisons ausgewirkt, und gab es Effekte auf die Herz-Kreislauf-bedingte Sterblichkeit? Diesen Fragen sind Dr. Michael Sieber und Professor Dr. Arne Traulsen vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön im Fachjournal »PLOS Global Public Health« anhand von Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) und des Statistischen Bundesamts nachgegangen.

Verschiebungen bei der Grippewelle

Laut den Forschern hatte es vor der Pandemie die meisten akuten Atemwegsinfektionen (ARI) in Deutschland stets in den Monaten Februar und März gegeben. Nach dem ersten Pandemiewinter, in dem es so gut wie keine ARI gab, verschoben sich die Infektionswellen acht bis zwölf Wochen nach vorne. Mittlerweile folgt der zeitliche Verlauf der winterlichen ARI-Welle wieder demselben Muster wie vor der Pandemie.

Mithilfe einer epidemiologischen Modellrechnung suchten die Forscher nach den Ursachen für diese Veränderungen. Sie fanden heraus, dass die Anzahl der anfälligen Individuen – also Personen, die bis zu diesem Zeitpunkt weder durch Infektion noch durch Impfung einen Schutz aufgebaut haben – darüber bestimmt, wann Infektionswellen starten. Da in der Zeit der Pandemie die Übertragung von Grippeviren stark zurückgegangen war, sei die Gruppe der Anfälligen anschließend besonders groß gewesen, und die Grippewellen in den Folgejahren starteten früher.

Auch bei den kardiovaskulär bedingten Todesfällen gibt es im Jahresverlauf Peaks und Täler. Die beiden Autoren stellen fest, dass der Zeitraum einer erhöhten Herz-Kreislauf-Sterblichkeit stets genau mit den ARI-Wellen überlappte. Sie sehen darin eine Bestätigung der Hypothese, dass Infektionen ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko nach sich ziehen.

Infektionen heizen Entzündung an

Dem stimmen mehrere Experten gegenüber dem »Science Media Center« zu, obgleich etwa Dr. David Hillus, Infektiologe an der Berliner Charité, darauf hinweist, dass solche Korrelationen kein ursächlicher Beweis für den Zusammenhang sind – hierzu müsste man Infektions- und kardiovaskuläre Sterbedaten auf individueller Ebene verknüpfen.

Dagegen merkt Professor Dr. Dirk Westermann, Ärztlicher Direktor des Universitäts-Herzzentrums Freiburg, an: »Atemwegsinfektionen sind bekannte Auslöser für Herzinfarkte, Herzinsuffizienz und Schlaganfälle. Das ist schon länger bekannt und lässt sich unter anderem durch den Entzündungsprozess im Körper auch gut erklären. Dieser Prozess treibt nämlich auch die Atherosklerose und damit die Ursache der Herzerkrankungen voran.«

Die jährliche Grippeimpfung sei daher für Patientinnen und Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen nicht nur als Infektionsschutz, sondern auch zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Ereignissen wichtig. »Neben Impfungen helfen auch Maßnahmen wie Händehygiene und das freiwillige Tragen einer Maske bei Atemwegssymptomen bei akuten Infekten, um besonders gefährdete Menschen zu schützen«, so Westermann.

Mehr von Avoxa