Viele Gesichter: Trotz des breiten Grinsens finden nicht alle Menschen Clowns lustig. Doch Kindern helfen sie oft gegen OP-Angst. / © Shutterstock/TSViPhoto
Zum Weltclownstag am 5. November geht es um eine Figur, die Menschen belustigt, erschreckt – aber ihnen auch Angst nehmen kann. Das Kostüm macht noch keinen Clown. »Es geht nicht so sehr um die rote Nase«, sagt Michael Stuhlmiller, Clown und Gründer einer staatlich anerkannten Clownsschule, der Deutschen Presse-Agentur. Entscheidend sei, das Publikum einzubeziehen. »Es gibt auch kein schlechtes Publikum für den Clown.« Es gehe um eine innere Haltung – und darum, Menschen mit ihren Fehlern und ihrem Scheitern zu lieben.
Stuhlmiller nennt verschiedene Typen: Dazu gehört etwa der pure Clown, »der mit ganz wenig Aufwand und ganz wenig Geschichte, einfach mit Mimik und Gestik, die Menschen berührt und erreicht, sie zum Lachen oder zum Nachdenken bringt«. Der Clown-Mime orientiert sich an der traditionellen Pantomime, ist dabei aber viel spielerischer. Der Clown der Stille spielt ganz aus dem Moment heraus. Dann braucht der Clown keine Stolperfallen mehr. Er spielt einfach, und genau darin liegt für Stuhlmiller das Wesen des Clowns.
Ob im Zirkus, auf der Straße oder als Coach bei Konflikten: Der Clown sucht Stuhlmiller zufolge den Kontakt. Er kann Situationen aus einer anderen Perspektive zeigen und Menschen so zum Lachen und Nachdenken bringen. Doch seine Welt hat auch dunkle Seiten.
Der Horrorclown, etwa in Stephen Kings »Es«, habe mit der eigentlichen Clownfigur nichts zu tun, sagt Stuhlmiller. Zugleich gehöre auch der Schrecken zum Leben – und der Clown greife ihn auf. »Dieses Prinzip, mit Gut und Böse zu spielen, ist sehr, sehr spannend und hat eine große Tiefe.«
Warum aber kann schon ein geschminktes Gesicht Unbehagen auslösen? Der US-amerikanische Psychologe Dr. Frank T. McAndrew erklärt das mit Unsicherheit: Ist dieser Mensch harmlos oder bedrohlich? Was wird er als Nächstes tun?
In einer Online-Befragung im Jahr 2016 mit 1341 Erwachsenen landeten Clowns unter 21 bewerteten Berufen beim Gruselfaktor ganz vorn. Schminke und Verkleidung verdecken die wirklichen Gefühle, wie McAndrew erläutert. Hinter dem aufgemalten Lächeln bleibt der Mensch schwer lesbar.
Viele haben ein mulmiges Gefühl bei Eigenschaften, die man häufig Clowns zuschreibt – etwa wenn das Verhalten eines Gegenübers nicht vorherzusagen ist oder sich Mimik und Gestik nicht richtig deuten lassen. Dazu kommt die Unberechenbarkeit: Wird man gleich selbst zum Ziel eines Streichs?
Ausgerechnet die Figur, die verunsichern kann, hilft anderswo gegen Angst: im Krankenhaus. Eine in der Fachzeitschrift »BMJ« veröffentlichte Übersicht wertet Studien aus, die Kinder mit Clownbegleitung und Kinder ohne Clown verglichen. Das Ergebnis: Bei verschiedenen Eingriffen hatten die Kinder mit Clown weniger Angst und kamen psychisch besser damit zurecht. Bei den Studien, in denen die Kinder nicht per Zufall einer Gruppe zugeteilt wurden, besteht überwiegend ein mittleres Risiko, dass die Ergebnisse verzerrt sind. Die Befunde sind daher mit Vorsicht zu lesen.
Eine Studie aus Florenz aus dem Jahr 2005 im Fachjournal »Pediatrics« zeigte: Kinder, die Clowns und ein Elternteil vor einer OP begleiteten, hatten im Operationssaal deutlich weniger Angst als Kinder mit nur einem Elternteil.
Für Stuhlmiller zählt am Krankenbett nicht die große Show. Ein Klinikclown müsse schnell erfassen, was im Zimmer los sei. »Gefragt sind Sensibilität und Einfühlungsvermögen.« Nicht das eigene Programm steht dann im Mittelpunkt, sondern der Mensch gegenüber.