| Melanie Höhn |
| 28.04.2026 11:35 Uhr |
Laut BfArM ist nicht davon auszugehen, dass die aktuelle geopolitische Lage in Deutschland kurzfristig zu Einschränkungen in der Arzneimittelversorgung führen wird. / © Imago Images/imagebroker
Noch immer hält die Blockade der Straße von Hormus an. Seit der dortigen Sperre des Warenverkehrs sind nicht nur die Sprit- und Ölpreise in die Höhe geschossen, auch Pharmaunternehmen sprachen von möglichen Problemen. So hatte der Verband Pharma Deutschland Anfang April vor einer drohenden Knappheit von Helium und anderen petrochemischen Ausgangsstoffen gewarnt, wodurch zentrale Produktionsprozesse von Medikamenten unter Druck geraten könnten. Laut Verband betreffe die Knappheit die Herstellung von Tabletten, Infusionen und modernen Biologika.
Aktuell spricht das BfArM auf PZ-Nachfrage von einer »grundsätzlich stabilen Versorgungslage«. Ein Sprecher erklärte: »Nach den aktuell hier vorliegenden Daten und Informationen ist derzeit nicht davon auszugehen, dass die aktuelle geopolitische Lage in Deutschland kurzfristig zu Einschränkungen in der Arzneimittelversorgung führen wird.«
Diese Einschätzung habe aktuell auch der Beirat für Liefer- und Versorgungsengpässe des Instituts bestätigt: In diesem Beirat sind unter anderem die Apothekerschaft, die Ärzteschaft, die pharmazeutische Industrie, der Pharmagroßhandel, die Klinikapotheken und die Krankenkassen vertreten. Demnach würden keine konkreten Daten vorliegen, die auf eine Verschlechterung der Versorgung hindeuten. »Vielmehr hat sich die Vorratssituation aufgrund der Maßnahmen in den vergangenen Jahren weiter verbessert«, so der Sprecher weiter.
Von den insgesamt 100.000 zugelassenen Arzneimitteln in Deutschland gebe es aktuell rund 550 Lieferengpassmeldungen. »Dabei ist aber unbedingt zu beachten, dass ein Lieferengpass nicht automatisch gleich ein Versorgungsengpass ist. Im Regelfall sind Generika von den Lieferengpässen betroffen«, so der BfArM-Sprecher. »Das bedeutet meist, dass es neben dem konkreten, von einem Lieferengpass betroffenen Arzneimittel etliche weitere, wirkstoffgleiche Arzneimittel gibt, die nicht von Lieferengpässen betroffen sind, sodass Patienten weiter mit einem solchen wirkstoffgleichen beziehungsweise alternativen Arzneimittel versorgt werden können.«
Bezogen auf alle Arzneimittel sei trotz der aktuell gemeldeten rund 550 Lieferengpässe nur rund ein Prozent Marktanteil betroffen. Echte Versorgungsengpässe würden hingegen verhältnismäßig selten auftreten. Solche als Versorgungsmangel definierten Situationen habe es in den vergangenen zehn Jahren erst rund 15 Mal gegeben. Zudem erklärte der Sprecher, dass das BfArM die Entwicklung von Lieferengpässen und deren Ursachen engmaschig überwache und alle verfügbaren Daten und Informationen kontinuierlich auswerte.
Auch der Branchenverband Pro Generika erwartet nach aktuellem Stand keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Versorgung im Zuge des Iran-Krieges. »Generika-Unternehmen verfügen in der Regel über Lagerbestände von vier bis acht Wochen oder mehr«, erklärte eine Sprecherin des Verbands auf PZ-Nachfrage.
Kurzfristige Störungen könnten zwar zunächst abgefedert werden. Bei anhaltenden geopolitischen Spannungen wachse jedoch das Risiko, dass Transportverzögerungen und Kostensteigerungen diese Puffer zunehmend aufzehren.
Gleichzeitig steige der Druck auf zentrale Logistik- und Lieferketten deutlich. Dazu zählen insbesondere reduzierte Luftfrachtkapazitäten, längere Transportzeiten auf See, Containerengpässe, Hafenüberlastungen sowie steigende Energie-, Treibstoff- und Versicherungskosten. »Hinzu kommen Rückwirkungen auf Vorprodukte und Rohstoffe. Unternehmen berichten bereits von Belastungen bei Lösungsmitteln und petrochemisch abgeleiteten Materialien für die Wirkstoffproduktion in Indien«, so die Sprecherin weiter.
Wie konkret sich der Druck auf Lieferketten bereits auswirken kann, zeige sich in einzelnen betroffenen Ländern: Im Oman seien die Kosten für temperaturgeführte Transporte um über 500 Prozent gestiegen, die Transitzeiten hätten sich von 45 auf bis zu 130 Tage verlängert. »Der aktuelle Konflikt macht erneut deutlich, wie verwundbar wir sind. Ob Handelskonflikte, kriegerische Auseinandersetzungen oder Pandemien – all das hat das Zeug, unsere Versorgung zu gefährden«, warnt Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika.
Die aktuelle Lage zeige erneut, wie fragil unsere Versorgung sei. »Seit der Corona-Pandemie wissen wir, wie verletzlich unsere Lieferketten sind – wie gefährlich unsere Abhängigkeit von China. Wenn wir die Versorgung wirklich resilient machen wollen, brauchen wir Rahmenbedingungen, die diversifizierte Lieferketten und Produktion in Europa möglich machen. Und die gibt es nach wie vor nicht«, so Bretthauer zur PZ.