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Kommentar
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Ärztlicher Wahlkampfdonner auf Kosten der Apotheken

Eine »rote Karte für Gesundheitspolitik« stellen die Kassenärzte in Westfalen-Lippe Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) aus. Es geht um die pharmazeutischen Dienstleistungen und richtet sich gegen die Apotheken – schon wieder. Dabei könnte auch der in den KVen stattfindende Wahlkampf eine Rolle für das Poltern spielen, meint PZ-Redakteurin Cornelia Dölger.
AutorKontaktCornelia Dölger
Datum 20.09.2022  18:00 Uhr

Aus Dortmund hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) jetzt eine »rote Karte für Gesundheitspolitik« bekommen, ausgestellt von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) in einer Pressemitteilung der Mediziner. Anlass für die Generalkritik sind – einmal mehr – die pharmazeutischen Dienstleistungen, die der Minister laut eigenem Bekunden weiter ausbauen will. Wie schon andere KVen zuvor setzt sich Westfalen-Lippe also lautstark gegen eine heilberufliche Dienstleistung zur Wehr, die mehrfach politisch beschlossen ist. Sie ist nicht nur im Vor-Ort-Apotheken-Stärkungsgesetz (VOASG) festgeschrieben, sondern im Koalitionsvertrag der Ampel grundsätzlich verankert. Zur Erinnerung: SPD, Grüne und FDP haben sich in ihrem Vertrag vorgenommen, die Dienstleistungen auszubauen. (Die PZ hatte berichtet.) Der politische Wille ist glasklar zu erkennen. Was soll also das Ärzte-Getöse?

Es wirkt befremdlich, wenn sich die Funktionärsebene mehr und mehr zum Gefechtsfeld entwickelt. Sich öffentlich zu beharken, ist einer Berufsvertretung, die die Interessen aller Mitglieder offensiv und streitbar vertreten muss, aber auch souverän und besonnen aufzutreten hat, nicht angemessen. Und doch wird der Ton der Ärztevertreter rauer, seit es die vergüteten pharmazeutischen Dienstleistungen und die Apotheken-Impfungen gibt.

Boykott-Aufrufe und Liebäugeln mit dem Versandhandel

Wäre es nur die Mitteilung der KVWL, könnte man auch von einem Ausreißer sprechen. Leider zeigt sich aber ein roter Faden im Verhalten der Kassenärzte: Seit Juni schießen mehrere KVen aus allen Rohren gegen die neuen Angebote aus der Offizin, sei es mit Boykott-Aufrufen sowie Appellen, Apothekerfehler zu melden, mit »Apotheker-sind-inkompetent«-Plakaten in Wartezimmern oder Mitglieder-Rundschreiben ähnlichen Inhalts. Besonders von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen kamen hierzu im Sommer Attacken auf sehr grenzwertigem Niveau. Und die KV Baden-Württemberg drohte ihrerseits, im Gegenzug Patienten an den Versandhandel zu lotsen, um damit die Apotheken zu umgehen. Man darf sich fragen: Meinen die das ernst? 

Kaum ist der Donner aus Hessen verhallt, da wettert nun also die KV Westfalen-Lippe los. Und auch wenn deren Vorstand nicht wie Hessen von »Kriegserklärung« spricht, so benutzen die KVWL-Funktionäre ebenfalls starke Worte, um ihren Unmut auszudrücken. »Eigentor« oder »Pleiten, Pech und Pannen« heißt es dort, und an anderer Stelle ist die Rede von Fässern, die überlaufen, und von Geld, das für die pharmazeutischen Dienstleistungen »verpulvert« werde, während die Niedergelassenen »einen Nackenschlag nach dem anderen verkraften müssen«. Lauterbach müsse seinen Kurs wechseln, andernfalls drohe er den niedergelassenen Sektor »komplett gegen die Wand« zu fahren. Der so entstehende »Totalschaden« treffe dann nicht nur die Praxen, sondern letztlich auch die Patienten. Übrigens: Auf was sich die Kassenärzte mit den wiederkehrenden Nackenschlägen beziehen, bleibt ebenfalls unklar. Schließlich konnte die Standesführung (KBV) gerade erst ein Honorarplus in Höhe von 1,4 Milliarden Euro bei den Krankenkassen aushandeln.

Am Ende klappt es nur gemeinsam

Was die Patienten wohl von Funktionären halten, die beim Einsatz für ihren Berufsstand immer wieder auf Kosten der Apothekerschaft punkten wollen? Sollen sie glauben, dass es ihnen ernsthaft um Kritik in der Sache geht? Um eines zumindest geht es ganz sicher: um Stimmenfang, denn es ist Wahlkampf. Die wichtige Wahl zur KV-Vertreterversammlung steht in Westfalen-Lippe am 1. Oktober an. Auch in der lautstarken KV Hessen stehen noch in diesem Jahr die Standeswahlen an. Kurz vorher noch eine politisch beschlossene Leistung zum Aufhänger einer kämpferischen Pressenachricht zu machen und damit einmal mehr den benachbarten Heilberuf zu attackieren, ist ebenso durchschaubar wie destruktiv. Ganz abgesehen davon, dass öffentliche Schlammschlachten wohl kaum das Vertrauen der Patienten stärken. Schließlich muss es beiden Berufen zuallererst darum gehen, Kranken zu helfen. Das klappt am Ende nur gemeinsam. Und wie man hört, ist das im Versorgungsalltag beider Heilberufe jeden Tag gelebte Praxis und sollte es auch sein.

 

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