Im Notfall muss es schnell gehen: Dann heißt es, beherzt zuzustechen. Das geht, wenn man geschult ist, ohne Probleme. / © Getty Images/Andrey Popov
»Es bestehen immer noch erhebliche Probleme im Langzeitmanagement von Anaphylaxie-Patienten, beispielsweise bei Kindern in Kita und Schule, sowie Lücken im rechtzeitigen Einsatz von Adrenalin«, heißt es in der S2k-Leitlinie zur Akuttherapie und Management der Anaphylaxie. Hier können Apothekenteams einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung Betroffener leisten.
Wer bereits eine Anaphylaxie oder eine systemische allergische Reaktion mit extrakutanen Symptomen hatte oder ein hohes Risiko hat, weil er etwa auf stark sensibilisierende Allergene wie Erdnüsse, Sesam oder auch Insektenstiche reagiert, braucht ein Notfallset. Dieses ist immer mit sich zu führen. Das gilt im Übrigen auch für Personen, deren Hyposensibilisierung erfolgreich verlaufen ist; so entwickelt etwa jeder Zehnte im Laufe der Jahre nach Ende der spezifischen Immuntherapie wieder systemische Reaktionen auf Insektengifte.
Die erste Maßnahme im Falle schwerer allergischer Reaktionen ist immer die Applikation von Adrenalin. Je früher seine Verabreichung erfolgt, umso besser ist der allergische Verlauf. Adrenalin (Epinephrin) antagonisiert über Aktivierung von α- und β-Adrenozeptoren alle zentralen Pathomechanismen einer anaphylaktischen Reaktion, stabilisiert damit den Kreislauf und erweitert die Bronchien.
Bekannt waren bislang die Adrenalin-haltigen Injektionspens für die intramuskuläre Gabe. Seit Mai 2025 kann Adrenalin auch per Notfall-Nasenspray appliziert werden und bietet damit Betroffenen mit einer Nadelphobie oder Scheu vor der intramuskulären Anwendung eine gleichwertige Notfalltherapie. Zugelassen ist Eurneffy® zur Behandlung von Erwachsenen und Kindern mit einem Körpergewicht von mindestens 30 kg.
Die empfohlene Anfangsdosis ist eine einmalige nasale Gabe von 2 mg Adrenalin. Bei der Schulung in der Apotheke ist darauf hinzuweisen, dass eine mögliche zweite Dosis in dasselbe Nasenloch zu geben ist, falls sich die Symptome nach zehn Minuten nicht bessern oder erneut auftreten. Eurneffy enthält Resorptionsvermittler, die bei erneuter Auslösung im gleichen Nasenloch die Wirkung verstärken. Da Eurneffy ein Einzeldosisbehälter ist, ist es sinnvoll, dass Patienten immer auch ein zweites Spray mit sich führen.
Wichtig: Es darf nicht vorgepumpt werden – wie etwa bei abschwellend wirkenden Nasensprays –, da nur eine Dosis enthalten ist. Auf diesen möglichen Medikationsfehler hat die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) in einer ersten Nutzenbewertung gesondert hingewiesen. Ansonsten verspricht das Nasenspray eine patientenfreundlichere Anwendung – auch im Hinblick auf die Lagerung.
Die Spitze des Sprays wird in ein Nasenloch eingeführt, bis die Finger die Nase berühren. Der Sprühkopf ist in der Nase gerade zu halten und soll nicht wie Corticoid-haltige Nasensprays zur äußeren Nasenwand geneigt werden. Der Kolben wird dann kräftig nach oben gedrückt, bis er einrastet und einen Sprühstoß abgibt.
Derzeit sind hierzulande drei verschiedene Modelle an Adrenalin-Autoinjektoren im Handel. Diese sind Fastjekt® von Meda (als Importpräparat Epipen®), Jext® von Alk Abelló sowie Anapen® von Bioprojet. Emerade® von Bausch + Lomb ist außer Handel. Sie werden in standardisierten Dosen von 150, 300 oder 500 µg für Patienten verschiedenen Alters und Gewichts intramuskulär verabreicht. Die Wirkung sollte dann nach etwa fünf bis zehn Minuten einsetzen.
Da sich die Handhabung der einzelnen Pens unterscheidet und regelmäßig trainiert werden muss (am besten mit einem Dummy), ist ein Austausch oder die Verordnung verschiedener Modelle nicht sinnvoll. Lieferengpässe machen es aber zeitweise unumgänglich. Am besten verordnet der Arzt immer den gleichen – mit »aut idem«-Kreuz auf dem GKV-Rezept. Für die Lagerung gilt: maximal 25 °C, höhere Temperaturen können den Wirkstoffgehalt reduzieren. Der Pen sollte außerdem nicht im Kühlschrank aufbewahrt und nicht eingefroren werden.
Egal ob Fastjekt®, Jext® oder Anapen®: Alle Pens können beim Auslösen blockieren. Daher sollten die Patienten zwei Pens mit sich führen, um bei einer Fehlfunktion im Notfall umgehend reagieren zu können. Alle Injektionspens gibt es als N2-Doppelpackung. Der Patient sollte nicht vor einer zweiten Injektion zurückschrecken, wenn nach fünf bis zehn Minuten keine Besserung eintritt.
Wie macht man es richtig? Schutzkappe entfernen, den Penschaft mit der dominanten Hand inklusive Daumen fest umfassen und den Autoinjektor in etwa 10 cm Abstand zum Oberschenkel halten. Merkhilfe: blaue Kappe (beim Fastjekt®) zum Himmel, orange Seite zum Oberschenkel beziehungsweise gelbe Kappe (beim Jext®) zur Sonne, schwarze Seite zum Oberschenkel. Anapen® hat einen roten Auslöseknopf. Kräftig im 90-Grad-Winkel einstoßen, auch durch Kleidung, sicherheitshalber 10 Sekunden halten, Injektor langsam entfernen und Injektionsstelle massieren. Wichtig: Die Nadel ist nicht sichtbar und man muss den Pen nicht aktiv auslösen.
Ein begleitender Anaphylaxieausweis enthält einen Notfallplan. Darin wird beschrieben, auf welche Symptome bei Exposition zu achten ist und welche Medikamente in welcher Dosierung wann einzunehmen sind. Nach der Adrenalin-Injektion sind das Antihistaminikum (wie Dimetinden, Cetirizin oder Desloratadin) und das Corticoid (wie Betamethason in Celestamine® Tropfen 0,5 liquid) einzunehmen. Beide sollten im Notfallset in flüssiger Form vorliegen; sie können auch von Patienten mit Schwellungen im Rachen- oder Kehlkopfbereich gut geschluckt werden. Kinder können das Steroid auch in Form von Zäpfchen bekommen.
Im Akutfall sollte etwa die Hälfte der jeweiligen Flasche getrunken werden. Beim Antihistaminikum halten die Leitlinienautoren die vierfache Maximaldosis für vertretbar. Die Antihistaminika gibt man wegen der Hautreaktionen, die mehr als 90 Prozent der Personen entwickeln. Die Corticosteroide stellen eine Art Rezidivprophylaxe und wegen ihres membranstabilisierenden Effekts eine Vorbeugung von Spätreaktionen dar. An der Akutreaktion ändern sie wenig, da die Zeit bis zum Wirkeintritt zu lange dauert.
Für Asthmatiker oder Patienten mit vorherigem Bronchospasmus sollte das Notfallset noch einen schnell wirksamen β2-Adrenozeptor-Agonisten wie Salbutamol enthalten.