| Melanie Höhn |
| 16.04.2026 14:15 Uhr |
Diskutierten über das Thema Adipositas (v.l.): Markus M. Müller (Viactiv Krankenkasse), Sarah Forberger (Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie), die SPD-Bundestagsabgeordnete Tanja Machalet, Professorin Marion Nestle (New York University), Christel Moll (Adipositas Verband Deutschland), Professorin Christina Holzapfel (TU München) sowie Dennis Ballwieser (Chefredakteur Apotheken Umschau). / © PZ/Höhn
Adipositas betrifft in Deutschland über 13 Millionen Erwachsene und zählt längst zu den großen Volkskrankheiten. Studien zeigen deutlich, dass Übergewicht selten allein auf mangelnden Willen zurückzuführen ist, sondern durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren entsteht. Doch wie können strukturelle und soziale Rahmenbedingungen verändert werden und ein gesünderes Ernährungsumfeld entstehen? Diese Frage stand im Zentrum des gestrigen Parlamentarischen Abends, zu dem Dennis Ballwieser, Chefredakteur der Apotheken Umschau, eingeladen hatte.
Keynote-Speakerin war Marion Nestle, emeritierte Professorin für Nutrition, Food Studies & Public Health der New York University. Ihr Spezialgebiet ist »Food Politics«. Nestle argumentierte, dass Fettleibigkeit eng mit Ernährungspolitik verbunden sei und nicht allein durch individuelle Entscheidungen erklärt werden könne. Zwar spiele persönliche Verantwortung eine Rolle, doch sie werde stark durch politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen beeinflusst. »Das Lebensmittelumfeld beeinflusst das Verhalten«, sagte Nestle. Entscheidend sei daher ein Umfeld, das gesunde Ernährung erleichtert.
Doch es gebe einen grundlegenden Konflikt: Maßnahmen zur Reduzierung von Fettleibigkeit, wie etwa weniger Konsum oder strengere Regulierung, stehe den wirtschaftlichen Interessen der Lebensmittelindustrie entgegen, so Nestle. Wenige große Konzerne der Lebensmittelindustrie würden sogar Konsum gezielt fördern, indem sie Lebensmittel überall verfügbar machen, häufiges Essen propagieren und immer größere Portionen anbieten. Diese Strategien führten dazu, dass Menschen mehr essen, oft ohne es bewusst zu merken. Besonders problematisch seien hochverarbeitete Lebensmittel, die industriell hergestellt, stark verändert und gezielt so konzipiert sind, dass sie besonders schmackhaft sind. Studien würden zeigen, dass solche Produkte dazu führen, dass Menschen deutlich mehr Kalorien zu sich nehmen.
Als Lösungsansätze nannte die Professorin sowohl individuelle als auch politische Maßnahmen. Dazu gehören Ernährungsrichtlinien, die den Konsum unverarbeiteter Lebensmittel empfehlen, sowie staatliche Eingriffe wie klare Kennzeichnungen auf Verpackungen. Insgesamt betonte Nestle, dass Fettleibigkeit vor allem ein systemisches Problem sei, das nur durch Veränderungen im Ernährungssystem und in der Politik wirksam bekämpft werden könne. Als konkrete Ernährungsempfehlung riet Nestle: »Eat food, not too much, mostly plants.«
Nestle forderte, dass gesundheitspolitische Entscheidungen konsequent auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt werden müssten, auch dann, wenn sie wirtschaftlichen Interessen widersprechen.
Bei der anschließenden Podiumsdiskussion knüpfte Sarah Forberger, Senior Wissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie am BIPS in Bremen, daran an und betonte, dass reines Wissen nicht ausreiche, um Verhalten nachhaltig zu verändern. Entscheidend seien vielmehr strukturelle Voraussetzungen, die gesunde Ernährung im Alltag erleichtern und unterstützen. Als Gesellschaft müsse man sich fragen: »Was ist die Vision, was wollen wir erreichen? Wir brauchen eine große Strategie«, so Forberger. Man müsse die Vision herunterbrechen auf Ziele und auch Gelder zuweisen.
Christel Moll, erste Vorsitzende vom Adipositas Verband Deutschland, verdeutlichte, welche konkreten Auswirkungen Adipositas für Betroffene hat und wie groß die Herausforderungen für das Gesundheitssystem insgesamt sind. »Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, das Leid wird oft vergessen«, sagte Moll. Prävention sei wichtig, aber eben auch die Therapien der Betroffenen.
Christina Holzapfel, Professorin für Humanernährung an der Hochschule Fulda und Leiterin der Forschergruppe »Personalisierte Ernährung & eHealth« der TU München, hob hervor, dass eine individuelle kassenfinanzierte Ernährungsberatung essenziell sei: »Ich sehe hier aktuell keine Umsetzung«, sagte sie. Dies sei jedoch sehr günstig und »absolut überfällig«. Sie appellierte an die Krankenkassen, dass wirksame Therapien finanziert müssten. Weiterhin hob sie hervor: »Kein Mensch ist freiwillig übergewichtig«.
Markus M. Müller, Vorstand der Viactiv Krankenkasse, unterstrich in der Diskussion vor allem die Notwendigkeit, Prävention und Therapie gemeinsam zu denken. Aus Sicht der Gesetzlichen Krankenkassen müsse stärker in Prävention investiert werden, um chronische Erkrankungen wie Adipositas langfristig zu reduzieren, da derzeit deutlich mehr Mittel in Diagnostik und Behandlung als in vorbeugende Maßnahmen fließen. Gleichzeitig hob er hervor, dass Präventionsmaßnahmen nur dann wirksam seien, wenn sie durch Verhältnisprävention im Lebensumfeld ergänzt werden. Neben Prävention brauche es auch medizinische und medikamentöse Therapieoptionen. »Unsere Aufgabe ist es Gesundheit zu erhalten, wiederherzustellen oder zu verbessern«, sagte er.
Abschließend erklärte Tanja Machalet, Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag (SPD), dass noch nicht absehbar sei, wann ein Präventionsgesetz in Deutschland komme, hier müsse man jedoch fraktionsübergreifend tätig werden. »Wir brauchen einen großen Aufschlag im Bereich der Prävention«, sagte die Politikerin. Generell gebe es zu diesem Thema sehr viel Bewegung im Parlament. Die Zuckersteuer sei ausdiskutiert: »Wir müssen es einfach machen«, sagte sie. »Ich habe die Hoffnung, dass wir etwas umgesetzt bekommen.« Sie sprach sich zudem für einen Ansatz aus, der auf Motivation und aktive Gestaltung setzt, anstatt auf reine Regulierung oder Bevormundung. Prävention liege nicht allein in der Verantwortung des Einzelnen, sondern sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.