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Aidshilfe: Verschreibungspflicht von Naloxon aufheben

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Angesichts von 707 Opioid-Toten im vergangenen Jahr in Deutschland fordert die Deutsche Aidshilfe (DAH), für das Antidot Naloxon die Verschreibungspflicht aufzuheben. «Naloxon ist in Deutschland in der Regel nicht verfügbar, wenn es drauf ankommt», kritisiert die Aidshilfe. Konsumierende und potenzielle Ersthelfer müssten mit dem Notfallmedikament ausgestattet werden. In den USA gehöre Naloxon mittlerweile zur Standardausrüstung vieler Polizisten.

«Es ist erschütternd: Ein lebensrettendes Medikament ohne Risiken und Nebenwirkungen steht bereit – und die Menschen haben keinen Zugang. Modellprojekte reichen nicht – wir brauchen endlich den flächendeckenden Zugang zu Naloxon», fordert DAH-Vorstand Ulf Hentschke-Kristal.

Diese Empfehlung hatte am Dienstag auch Professor Dr. Ludwig Kraus, Leiter des Instituts für Therapieforschung München, gegeben. Der Diplompsychologe hatte bei der Vorstellung des Drogenberichts erste Ergebnisse einer Begleitstudie zur Analyse drogenindizierter Todesfälle in Deutschland im Zeitraum 2012 bis 2016 präsentiert. «Nach wie vor sind es Opioide, die die überwiegende Mehrheit tödlicher Überdosierungen verursachen», so Kraus. Laut offizieller Statistik starben im vergangenen Jahr 1.272 Menschen an den Folgen des Konsums illegaler Drogen, davon 707 an Heroin und anderen Opioiden. «Die auch europaweit zunehmende Verbreitung synthetischer Opioide erfordert wegen des hohen Risikopotenzials verstärkt präventive Maßnahmen;  unter anderem sollten Abhängige und Angehörige in der Anwendung von Naloxon zur Ersthilfe trainiert werden.»

Der leichte Rückgang bei der Zahl der Drogentoten sei kein Grund zur Entwarnung, mahnte die Aidshilfe. «Im Gegenteil: Die Zahl der Drogentoten ist immer noch unerträglich hoch», so Hentschke-Kristal. «In vielen Fällen hätte eine andere Drogenpolitik das Schlimmste verhindern können.»

Als weitere Maßnahmen fordert die Deutsche Aidshilfe, bundesweit Drogenkonsumräume mit medizinischer Hilfe, sauberen Konsumbedingungen zur Vermeidung von HIV- und Hepatitis-Infektionen sowie mit Präventionsangeboten anzubieten. Solche Räume gebe es bislang nur in sechs Bundesländern. Das sogenannte Drugchecking, eine Qualitätskontrolle von Drogen zur Vermeidung von Überdosierung und Vergiftungen, sei rechtlich nicht abgesichert und erfolge daher bislang hierzulande nicht. Zudem kritisiert die Aidshilfe, dass süchtige Inhaftierte keinen Zugang zu sauberen Spritzen und teilweise auch nicht zu einer Substitutionstherapie hätten. Dabei sei der Anteil der Hepatitis-C- oder HIV-Infizierten unter Gefängnisinsassen besonders hoch.

Wie eine moderne Drogenpolitik mit wissenschaftlich abgesicherten Handlungsmöglichkeiten aussehen kann, beschreiben die Deutsche Aidshilfe, der Fachverband akzept und das Selbsthilfenetzwerk JES in einer neuen Broschüre mit dem Titel «Eine moderne Drogenpolitik nützt allen», die kommende Woche an alle Bundestagsabgeordnete und andere Politiker verschickt werden soll. Darin fordern die Verbände auch eine Reform des Betäubungsmittelgesetzes. (dh)

 

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17.05.2018 l PZ

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