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Studie: Nebenwirkungen verursachen oft Notfälle

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«Welche Arzneimittel haben Sie eingenommen?» Diese Frage sollten Ärzte in der Notfallambulanz jedem Patienten stellen. Denn einer aktuellen Studie zufolge steckt in mindestens 6,5 Prozent der Fälle eine unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) dahinter, wenn ein Patient zum Notarzt muss. Allerdings wurden in der Untersuchung, die heute im «Deutschen Ärzteblatt» erschienen ist, nur etwas mehr als die Hälfte der Patienten überhaupt nach einer möglichen Arzneimittelanwendung gefragt. Die Autoren um Dr. Marlen Schurig vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) rufen daher Ärzte und Patienten zu erhöhter Wachsamkeit hinsichtlich möglicher UAW auf.

Im Rahmen der Analyse wurden sämtliche Patienten, die binnen 30 Tagen in vier größeren Krankenhausnotaufnahmen in Ulm, Fürth, Bonn und Stuttgart behandelt wurden, erfasst. Insgesamt waren das 10.174 Behandlungsfälle, bei denen 665 UAW-Verdachtsfälle detektiert wurden. Die Autoren legten dabei die Definition der Europäischen Arzneimittelagentur zugrunde, wonach eine UAW eine Reaktion auf ein Arzneimittel darstellt, die schädlich und unbeabsichtigt ist und bei der ein Kausalzusammenhang als mindestens möglich eingeschätzt wird. Auch Medikationsfehler, etwa eine falsche Dosierung oder der Einsatz eines Arzneimittels trotz bestehender Kontraindikation, sind laut dieser Definition UAW, allerdings vermeidbare.

Patienten mit UAW waren in der Studie meist älter als 65 Jahre und nahmen häufig mehrere Arzneimittel gleichzeitig ein – im Median sieben verschiedene Wirkstoffe, wobei die Spannweite von 1 bis 18 reichte. Die berichteten UAW betrafen oft den Magen-Darm-Trakt und das Nervensystem, zum Beispiel Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und vorübergehende Bewusstlosigkeit (Synkopen). Häufig waren die Beschwerden unspezifisch, etwa Verschlechterung des Allgemeinzustands, Schmerz, Fieber oder Ermüdung, was die Zuordnung zur Arzneimitteltherapie und damit das Erkennen der UAW erschwert. Auslöser der UAW waren am häufigsten antithrombotische Mittel und Blutdrucksenker wie Betablocker, ACE-Hemmer beziehungsweise AT-Blocker und Diuretika. Wie es den betroffenen Patienten im Verlauf erging, wird im Rahmen der ADRED-Studie weiter erfasst und ausgewertet. So wollen die Forscher Erkenntnisse zu Ursachen, Risikofaktoren aufseiten der Patienten und potenzieller Vermeidbarkeit der UAW gewinnen.

Bei UAW-Verdacht mussten Patienten öfter stationär aufgenommen werden als wenn keine UAW vermutet wurde: Lediglich 11 Prozent der UAW-Verdachtsfälle wurden ausschließlich ambulant in der Notaufnahme versorgt gegenüber 51 Prozent der Gesamtbehandlungsfälle. Die Autoren vermuten, dass insbesondere UAW, die ein traumatisches Geschehen zur Folge haben, also beispielsweise Verletzungen bei Stürzen infolge von Arzneimittel-bedingtem Schwindel oder Synkopen, in Wirklichkeit noch häufiger sind, weil in der Hektik der Notaufnahme möglicherweise nicht nach der Medikation gefragt wurde.

«Unsere Daten unterstreichen die Bedeutung der Polypharmazie für das Auftreten von UAW», lautet ein Fazit der Verfasser. Seniorautorin Professor Dr. Julia Stingl wies gegenüber der Zeitung «Die Welt» darauf hin, dass ab fünf gleichzeitig eingenommenen Wirkstoffen die Wahrscheinlichkeit, dass aufgrund von Wechselwirkungen UAW ausgelöst oder verstärkt werden, exponenziell ansteigt. Daher sei es wichtig, dass der Arzt oder Apotheker über alle gleichzeitig eingenommenen Wirkstoffe Bescheid wisse. Das sei am besten durch einen vollständigen Medikationsplan zu erreichen, den der Patient mit sich trägt. (am)

DOI: 10.3238/arztebl.2018.0251

 

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13.04.2018 l PZ

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