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Anämie im Alter: Das ist nicht normal

Viele ältere und alte Menschen leiden an einer Anämie, aber das ist kein physiologischer Befund. Entgegen häufiger Vermutungen gelten die Referenzwerte für Hämoglobin unabhängig vom Alter. Da eine Anämie bei Senioren mit funktionalen und kognitiven Einschränkungen verbunden ist, sollte sie abgeklärt und behandelt werden. Diese Positionen vertritt die Arbeitsgruppe «Anämie im Alter» der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) unter Leitung von Dr. Gabriele Röhrig in einem Positionspapier. «Anämie beim älteren Menschen ist keine normale Alterserscheinung, sondern gehört abgeklärt», fasst die Oberärztin zusammen.  

Erstaunlicherweise gab es in den vergangenen Jahrzehnten nur wenige Datenanalysen von peripheren Blutwerten bei älteren Menschen. Daher wird seit Langem diskutiert, ob bei dieser Gruppe andere Grenzwerte für eine Anämie gelten würden und deren hohe Prävalenz bei Senioren aufgrund «falscher» Grenzwerte zustande komme. Der allgemeine WHO-Grenzwert, wonach eine Anämie bei einem Hämoglobin unter 12 g/dl bei Frauen oder unter 13 g/dl bei Männern vorliegt, wurde 1969 festgelegt, wobei keine Daten zu älteren Personen vorlagen.

Mit Daten von rund 30.600 Personen über 60 Jahren, darunter 4600 hämatologisch gesunden, bestätigte die DGG-Arbeitsgruppe jetzt die Referenzwerte der WHO für die Anämie-Definition – zumindest für Patienten in Deutschland. Die Referenzwerte für ältere Menschen in anderen Regionen der Welt müssten regional untersucht werden.

Die Experten weisen zudem auf die enge Assoziation von Anämie und funktionellen und kognitiven Störungen bis hin zur Demenz im Alter hin. Auch ein Einfluss auf Morbidität und Mortalität sei nachgewiesen. Anämie sei ein Risikofaktor für vielfältige Einschränkungen und könne die klinische Entwicklung eines multimorbiden geriatrischen Patienten entscheidend beeinflussen. Die Ärzte empfehlen daher, bei Hämoglobin-Werten unter 12 g/dl bei Frauen oder unter 13g/dl bei Männern eine weiterführende Anämie-Diagnostik zu erwägen und bei Bedarf eine Therapie einzuleiten. (bmg)

DOI: 10.1007/s41999-018-0048-0

 

23.04.2018 l PZ

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