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Testprojekt: Westfalen-Lippe probiert Apotheke 2.0 auf dem Land

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In Westfalen-Lippe ist der Startschuss für das dreijährige Projekt «Apotheke 2.0» gefallen. «Wie können Apotheken mithilfe moderner Technologien die Gesundheitsversorgung älterer und multimorbider Menschen in ländlichen Regionen optimieren?» So formuliert der Apothekerverband Westfalen-Lippe (AVWL) die Leitfrage seines neuen Projekts, dass zusammen mit der Universität Osnabrück und dem Netzwerk Gesundheitsregion EUREGIO im südlichen Niedersachsen durchgeführt wird. Losgehen soll es im Kreis Steinfurt, der bereits über ein gut ausgebautes Glasfasernetz verfügt. «Apotheke 2.0» knüpft dabei direkt an das fünfjährige Forschungsprojekt «Dorfgemeinschaft 2.0» in der Grafschaft Bentheim und dem südlichen Emsland an.

 

«Ziel des Projekts ist es, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, um den Menschen in strukturschwachen Regionen sinnvolle Versorgungsangebote zu machen und damit einen Umzug ins Pflegeheim oder stationäre Krankenhausaufenthalte so lange wie möglich zu vermeiden», erklärt der AVWL-Vorsitzende Dr. Klaus Michels. Als Beispiele nennt der AVWL die Überprüfung von Vitalparametern durch Wearables und Telemedizin, eine IT-gestützte Aufrechterhaltung der Dauermedikation oder besser strukturierte Botendienste. Auch die Erweiterung des Apotheken-Serviceangebots für Pflegeeinrichtungen, pflegende Angehörige und Pflegebedürftige sei denkbar. «Angesichts des alarmierenden Pflegenotstandes könnten wir Apotheker dazu beitragen, eine wichtige Versorgungslücke zu füllen», sagt Michels.

 

Als großen Pluspunkt der Apotheken sieht Michels die wohnortnahe und niederschwellige Präsenz: «Häufig ist der Apotheker im Dorf der einzige verbliebene Ansprechpartner für gesundheitliche Probleme.» Besonders für die wachsende Gruppe der älteren, weniger mobilen Menschen, die gleichzeitig einen hohen pharmazeutischen Betreuungs- und Beratungsbedarf hätten, sei diese Anlaufstelle unerlässlich.

 

Der AVWL möchte, dass die Apotheke am Ort noch stärker als bislang eine Lotsenfunktion einnimmt: «In Apotheken arbeiten Gesundheitsexperten, die in der Regel sehr gut einschätzen können, wann ihre Patienten weitergehende Unterstützung etwa durch einen Arzt benötigen», ergänzt Hans-Jürgen Simacher, Geschäftsführer des AVWL. «Nur wenn sämtliche Beteiligten Hand in Hand arbeiten, vom Arzt über den Apotheker bis hin zum Pflegedienst, können wir eine möglichst hohe Behandlungsqualität erreichen.» So soll eine Vollversorgung multimorbider Patienten erreicht werden.

 

Die Mitarbeiter in den Apotheken am Ort seien nicht nur Gesundheitsexperten, sondern auch Vertrauenspersonen und soziale Anlaufstelle, betont auch Professor Dr. Frank Teuteberg, Leiter des Fachgebiets für Unternehmensrechnung und Wirtschaftsinformatik an der Universität Osnabrück, die das Projekt wissenschaftlich evaluiert. Statt die Arzneimittelversorgung einfach nur zu digitalisieren, ist das Ziel, digitale und analoge Angebote sinnvoll und intelligent zu verknüpfen, «um einer Entmenschlichung der Versorgung auf dem Land entgegenzuwirken» – ganz klar ein anderer Ansatz als der reine Versandhandel. Apotheken, die sich beteiligen wollen, können sich an den AVWL wenden. (dh)

 

02.02.2018 l PZ

Foto: Fotolia/contrastwerkstatt (Symbolbild)