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Spanische Grippe: Kann es noch einmal passieren?

 

Sie war schnell, ansteckend, tödlich: Die Spanische Grippe traf die Menschen ab 1918 so hart wie keine andere Pandemie der Moderne. Durch die Influenza-Pandemie kamen vermutlich mehr Menschen um als bei den Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs (1914-1918). Sie entwickelte sich in drei Wellen bis 1920 zur schlimmsten Grippe-Pandemie der Geschichte mit 27 bis 50 Millionen, manchen Quellen zufolge sogar bis zu 100 Millionen Toten. Allein im Deutschen Reich sollen es 426.000 Opfer gewesen sein.

 

Der Berliner Historiker und Oberarzt der Charité, Wilfried Witte, hat über die Spanische Grippe geforscht. Der Deutschen Presse-Agentur sagte er, es habe damals alles relativ harmlos begonnen. Während der ersten Ansteckungswelle im Frühjahr 1918 erkrankten zwar sehr viele Menschen, aber relativ wenige starben. Im Herbst nahm jedoch eine weitere, tödliche Welle ihren Lauf. Gerade dort, wo Menschen geballt aufeinandertrafen, wie in Rekruten- und Kriegsgefangenenlagern, hätten sich auf einen Schlag zahlreiche Menschen angesteckt. «Die meisten sind an einem akuten Lungenversagen gestorben. Das ging rapide schnell vonstatten», sagt Witte. Therapien wie invasive Beatmung standen Ärzten noch nicht zur Verfügung. Wenn überhaupt hätten Kranke in der Regel Mittel zur Kreislaufstärkung bekommen. «So etwas hat natürlich nicht geholfen», so Witte.

 

Selbst der spanische König soll an dem damals noch unbekannten Erreger erkrankt sein. Es ist ein Grund, aus dem die Pandemie als «Spanischen Grippe» in die Geschichte einging. Dass sie nicht von dort kam, ist aber relativ sicher. Um den wahren Ursprung ranken sich mehrere Theorien. Witte zufolge wird angenommen, dass die Grippe im März 1918 zuerst Schüler und Soldaten in Kansas, USA, krank machte. Mit Truppenschiffen soll das Virus auch nach Europa gelangt sein.

 

Ärzte sahen bei Infizierten gewisse Muster: Nicht nur starben ungewöhnlich oft vermeintlich robuste Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Auch hatte sich die Haut der Erkrankten oft dunkelblau verfärbt – Zeichen der Unterversorgung mit Sauerstoff. Wegen des fast schon schwarzen Teints hätten sich die Menschen an die Pest erinnert gefühlt. Zeitgenössische Ärzte hielten ein «Grippe-Bakterium» für die Ursache. Der wahre Auslöser, das Influenza-Virus,wurde erst 1933 entdeckt.

 

Inzwischen sehen Wissenschaftler die Spanische Grippe nicht mehr unbedingt als Einzelfall, sondern als Prototyp von Pandemien. Sie kann sich wiederholen. Das zeigten etwa die Asiatische Grippe (1957) und die Hongkong-Grippe (1968), wenn auch in geringerem Ausmaß. Und in Zukunft? Damals seien die Umstände andere gewesen als heute, betont Grippe-Expertin Silke Buda vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin. Genau die gleiche Situation wie 1918 werde so nicht mehr eintreten. Damals seien die Lebensbedingungen viel schlechter gewesen. Viele Menschen hätten auch zusätzlich schon andere Krankheiten wie Tuberkulose (Schwindsucht) gehabt. Gegen oftmals tödliche bakterielle Lungenentzündungen, die auf die Grippe folgten, waren Ärzte machtlos: Antibiotika gab es noch nicht.

 

Gleichwohl gebe es heute andere große Herausforderungen, sagt Buda. Dazu gehörten zum Beispiel zunehmende Antibiotika-Resistenzen. Zudem könne der globale Reiseverkehr zu einer noch viel schnelleren Virus-Verbreitung weltweit führen als 1918. «Die Menschen werden heute zudem sehr viel älter als früher, haben dann aber oftmals Grunderkrankungen und sind anfälliger für schwere Krankheitsverläufe», sagt sie.

 

Klar ist für Experten: Es muss nicht zwangsläufig im Winter zu einer Pandemie kommen. Ganzjährig hat das RKI deshalb ein Auge auf akute Atemwegserkrankungen. Auch potenziell pandemische Viren weltweit sind im Blick: «Es ist eher wahrscheinlich, dass ein Virus sich im Moment in Vögeln oder Schweinen vermehrt und noch nicht die Fähigkeit hat, von Mensch zu Mensch übertragbar zu sein», sagt Buda. Bestimmte Vogelgrippe-Viren in China würden derzeit als mögliche Pandemie-Auslöser erachtet. Diese Einschätzung bedeute aber noch lange nicht, dass diese Erreger tatsächlich eine Pandemie auslösen können, betont Buda.

 

05.01.2018 l PZ/dpa

Foto: CDC (abgebildet ist das H1N1-Influenza-Virus, Erreger der Schweinegrippe-Pandemie 2009)