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Schlafstörungen: Benzodiazepine behindern beim Aufräumen im Gehirn

Benzodiazepine und Z-Substanzen sind wirksam bei Schlafstörungen, aber Ärzte sollten «extrem zurückhaltend» sein mit der Verordnung, sagte Professor Dr. Hans Förstl von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München beim Pharmacon in Schladming. «Diese Wirkstoffe stören die Schlafarchitektur und verhindern die Reinigung des Gehirns von Ablagerungen.»

 

Dabei bezog Förstl sich auf das erst 2013 entdeckte «glymphatische System», ein lymphähnliches System im Gehirn, das wohl der nächtlichen Elimination von Schadstoffen dient. Die Glymph-Kanäle schmiegten sich eng an venöse und arterielle Gefäße im Gehirn an und würden durch deren pulsierende Bewegungen quasi ausgewrungen. Letztlich erfolge ein Abtransport von Stoffen über die Blutbahn. «Bei gesundem, gutem Schlaf wird Amyloid mit doppelter Geschwindigkeit aus dem Interstitium ausgeschwemmt.» Benzodiazepine würden das nächtliche «Aufräumen im Gehirn» unterdrücken.

 

Förstl wies auch auf die Gefahr der Abhängigkeitsentwicklung hin. Laut der aktuellen S3-Leitlinie «Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen» sei eine kurzzeitige Gabe (maximal vier Wochen) von Benzodiazepinen und Z-Substanzen möglich; bei längeren Zeiträumen lasse die Wirkung nach und das Risiko einer Abhängigkeit steige. Der Entzug sei sehr quälend, aber auch bei älteren und alten Menschen lohnend. «Manche dementen Menschen sind gar nicht mehr so dement, wenn die Benzodiazepine reduziert oder abgesetzt wurden.»

 

Welche pharmakologischen Alternativen gibt es? Das Antipsychotikum Quetiapin verbessere den Schlaf, und das Antidepressivum Mirtazapin helfe in niedriger Dosierung und erzeuge keine Abhängigkeit, erklärte der Psychiater.

 

Für andere Mittel wie Antihistaminika, Phytopharmaka und Homöopathika ist die Datenlage laut Leitlinie unzureichend. Förstl bezeichnete sie dennoch als gute Hilfen, wenn Apotheker die Abgabe mit Aufklärung  und Psychoedukation verbinden. «Apotheker sind gute Therapeuten, wenn sie überzeugt sind von ihrer Arbeit und den Präparaten.» (bmg)

 

Lesen Sie dazu auch:

S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen, Kapitel «Insomnie bei Erwachsenen» (AWMF-Registernummer 063-003), Update 2016, doi: 10.1007/s11818-016-0097-x (externer Link)

 

16.01.2018 l PZ

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