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Ketamin: Antidepressivum der Zukunft?

Das Narkotikum Ketamin kann bei schwer depressiven, therapieresistenten Patienten für Linderung sorgen – innerhalb kürzester Zeit. «Es ist ein Paradigmenwechsel, weil wir jetzt schnell antidepressive Wirkungen erzielen können», sagt Carlos Zarate vom National-Institut für mentale Gesundheit (NIMH), der den Wirkstoff dort federführend erforscht. In den USA bieten den leichten Rausch auf Rezept bereits Dutzende Kliniken und zahlreiche Privatpraxen depressiven Patienten an. Etwa 3000 Menschen wurden bisher behandelt. Auch in Deutschland wird die Therapie langsam bekannter.

 

Die Wirkweise ist jedoch noch nicht klar. Anders als bei den SSRI läuft die Wirkkaskade im Gehirn nicht über die Botenstoffe Serotonin oder Dopamin ab, sondern über Glutamat. Möglicherweise setzt Ketamin oder sein Abbauprodukt einen beschleunigten Prozess in Gang, der hilft, das Gehirn zu verändern. Menschen erleben im Ketamin-Rausch oft Halluzinationen oder dissoziative Zustände, bei denen sich Körper und Geist zu trennen und wieder neu zusammenzusetzen scheinen. Es kann auch zu Angstzuständen, Schlaflosigkeit und Flashbacks kommen.

 

Offen sind auch noch Fragen, ob Ketamin Langzeitfolgen hat oder vielleicht sogar abhängig macht, da es möglicherweise dieselben Rezeptoren anspricht wie Heroin und andere Opioide. Diverse kleinere US-amerikanische Studien haben die Wirksamkeit von Ketamin bei einem Teil der SSRI-resistenten Schwerstdepressiven zwar belegt, bislang fehlt jedoch eine große doppelblinde Studie. Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat Ketamin deshalb noch nicht zur Behandlung von Depressionen zugelassen. Praktiziert wird derzeit, ähnlich wie in Deutschland, nur der sogenannte Off-Label-Einsatz.

 

Darunter versteht man den Einsatz von Medikamenten bei Krankheiten, für die sie gar nicht offiziell genehmigt sind. Auch die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft sieht wegen der offenen Fragen Ketamin noch nicht als geeignetes Mittel für behandlungs-resistente Depressionen an. «Ich glaube dennoch, es ist die spannendste Behandlung für Störungen des Gemütszustandes der vergangenen 50 Jahre», sagt der Ketamin-Forscher Gerard Sanacora (Yale School of Medicine). Mehrere Pharmaunternehmen arbeiten bereits an Ketamin-ähnlichen Mitteln, die beispielsweise als Nasenspray verabreicht werden können.

 

Hier sieht auch der deutsche Experte Malek Bajbouj (Klinik für Psychiatrie, Charité Berlin) Potenzial. An der Charité läuft mit bislang 100 Patienten das größte Ketamin-Therapieangebot bundesweit. Die Erfolgsquote liege dabei zwar nur bei 35 bis 50 Prozent, berichtet Bajbouj. Ein großer Vorteil von Ketamin sei jedoch der schnelle Eintritt der Wirkung. «Noch wichtiger sind aber Erkenntnisse über den besonderen Wirkmechanismus. Sie können den Pfad zu neuen Antidepressiva öffnen.»

  

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Ketamin: Metabolit wirkt antidepressiv, PZ 19/2016

 

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20.11.2017 l PZ/dpa

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