Schlaganfall: Auch bei Jüngeren ein Thema |

Der Schlaganfall ist mitnichten nur eine Erkrankung des höheren Lebensalters. Bis zu 20 Prozent der 260.000 Menschen, die pro Jahr in Deutschland einen Schlaganfall erleiden, sind sogenannte juvenile Schlaganfall-Patienten. Der Begriff juvenil ist in diesem Fall aber relativ weit gefasst, denn es handelt sich um die Altersgruppe der 18- bis 55-Jährigen. Bei ihnen hat der Schlaganfall häufig andere Ursachen als bei älteren Menschen, wie Professor Dr. Wolf-Rüdiger Schäbitz, Pressesprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und Chefarzt an der Klinik für Neurologie am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld-Bethel, heute bei einer Pressekonferenz in Berlin ausführte. Anlass war der anstehende Welt-Schlaganfall-Tag am 29. Oktober.
«Mikro- und Makroangiopathie, also Verkalkungen der kleinen und großen Gefäße, sind normalerweise in etwa der Hälfte der Fälle die Ursache für einen Schlaganfall», sagte Schäbitz. Nicht so bei juvenilen Schlaganfall-Patienten: Hier sind nur 20 bis 25 Prozent der Fälle auf eine Mikro- oder Makroangiopathie zurückzuführen. Der Grund dafür ist, dass die klassischen Gefäß-Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Fettstoffwechsel-Störungen, Diabetes und Rauchen mit dem Alter zunehmend an Bedeutung gewinnen.
«Die Schlaganfall-Ursachen bei jüngeren Patienten sind komplexer und häufig schwieriger zu diagnostizieren als bei älteren Patienten», sagte Schäbitz. 20 bis 30 Prozent der Fälle haben spezielle Ursachen, etwa die Beschädigung der Wandschichten einer Arterie (Gefäßdissektion) oder eine Gefäßentzündung (Vaskulitis). Weitere 10 bis 25 Prozent der juvenilen Schlaganfälle sind durch Kardioembolien verursacht. Diese beruhen häufig auf einem sogenannten persistierenden Foramen ovale (PFO).
Das Foramen ovale ist ein Loch zwischen dem rechten und dem linken Vorhof des Herzens, das während der Embryonalentwicklung im Mutterleib für eine Umgehung des Lungenkreislaufs sorgt. Nach der Geburt verschließt es sich normalerweise. Bei etwa jedem fünften Menschen bleibt es aber offen, es persistiert. In den meisten Fällen hat ein PFO keinen Krankheitswert. Fließt jedoch Blut durch das Loch, kann es zu Verwirbelungen und in der Folge zur Bildung von Blutgerinnseln kommen, die dann einen Schlaganfall auslösen können.
«Es besteht die Möglichkeit, ein PFO operativ zu verschließen», informierte Schäbitz. Dabei wird über einen Herzkatheter eine Art Schirm im PFO platziert, der sich beim Zurückziehen des Katheters entfaltet und das Loch verschließt. Allerdings war bis vor Kurzem umstritten, ob dadurch tatsächlich das Schlaganfall-Risiko sinkt. Studien hatten vor einigen Jahren keinen signifikant positiven Effekt gezeigt, weshalb die DSG vor der unkontrollierten Anwendung des Eingriffs warnte. «Mittlerweile konnte in neuen und besseren Studien der Nutzen für bestimmte Schlaganfall-Patienten gezeigt werden», sagte Schäbitz. Die entsprechenden Publikationen erschienen erst kürzlich im «New England Journal of Medicine» und zeigten eine Number needed to treat (NNT) von 20 beziehungsweise 28.
Dennoch ist nicht jeder Schlaganfall-Patient mit einem PFO ein Kandidat für dieses Verfahren. «Es muss sichergestellt sein, dass das PFO tatsächlich die Ursache für den Schlaganfall war«, sagte Schäbitz. Das sei nicht immer leicht, aber notwendig, weil auch der Eingriff gewisse Risiken birgt. So kommt es etwa bei 4 bis 6 Prozent der Patienten nach dem Verschluss zu Vorhofflimmern – das selbst einen wichtigen Risikofaktor für weitere Schlaganfälle darstellt. Generell ist zwar bei jüngeren Patienten mit PFO eher von einer Kausalität auszugehen als bei älteren. Nicht immer lässt sich jedoch bei ihnen die Ursache eines Schlaganfalls zweifelsfrei feststellen: 30 bis 50 Prozent der juvenilen Schlaganfälle sind sogenannte kryptogene Schlaganfälle, deren Ursache nicht auszumachen ist. (am)
DOI: 10.1056/NEJMoa1705915
DOI: 10.1056/NEJMoa1707404
25.10.2017 l PZ
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