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Fetales Alkohol-Syndrom: Frauen besser aufklären

Die Zahl der alkoholgeschädigten Kinder steigt nach Angaben des Vereins FASD Deutschland leicht an. «Viele junge Frauen trinken, bevor sie entdecken, dass sie schwanger sind», sagte die Vorsitzende Gisela Michalowski vor dem «Tag des alkoholgeschädigten Kindes» am 9. September. «Es ist leider kein Rückgang zu verzeichnen, eher ein geringer Anstieg.» Gesicherte Zahlen zu Babys mit fetalen Alkoholspektrum-Störungen (FASD) gibt es nicht, da die Erkrankung im Vergleich zu anderen Behinderungen relativ unbekannt ist. Viele Betroffene erhalten erst spät oder überhaupt keine Diagnose.

 

Nach Schätzungen des Vereins kommen jährlich 10.000 Babys in Deutschland mit FASD zur Welt. Menschen mit FASD sind geistig beeinträchtigt und zeigen Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten. Meist sind sie nicht in der Lage, ein selbstständiges Leben zu
führen. Viele sind sozial isoliert.«FASD ist wahrscheinlich die häufigste angeborene Störung mit Intelligenzminderung», schreibt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler.

 

Betroffene Erwachsene haben es oft schwer. «Mehr als 80 Prozent sind ohne eine dauerhafte Beschäftigung und ohne Berufsausübung, viele müssen lebenslang betreut werden» sagt Professor Hans-Ludwig Spohr vom FASD-Zentrum Berlin. Als großes Problem bezeichnet der Mediziner, dass es keine Möglichkeit gibt, junge Menschen auf FASD zu testen. «Die Diagnose ist schwierig. Häufig wird nur der Verdacht ausgesprochen. Das bringt den Betroffenen nichts, sie bekommen keine Hilfe.»

 

André Taubert, der als Vorsitzender des Bremer Vereins Faspektiven Betreuungskonzepte für Erwachsene mit FASD entwickelt, bestätigt das. «Sie wirken oft ganz gesund», sagt er. Dass sie nicht in der Lage sind, einen Haushalt zu führen und Finanzen im Griff zu haben, werde oft nicht bemerkt. «Meistens führt es in die Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit oder Kriminalität. Es gibt wahrscheinlich unglaublich hohe Zahlen von Gefängnisinsassen mit FASD.»

 

Da unklar ist, welche Alkoholmenge in welchem Schwangerschaftsstadium gefährlich ist, raten Experten zum völligen Verzicht. «Es gibt keinen sicheren Schwellenwert, das ist individuell verschieden», sagt Spohr, der sich seit über 40 Jahren mit FASD beschäftigt. «Es muss gelten: Kein Tropfen Alkohol.»

Um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, fordert der Verein FASD Deutschland eine bessere Informationspolitik. «Prävention muss im Biologieunterricht in den Grundschulen beginnen», heißt es in einem Positionspapier. Zudem brauche es eine bundesweit einheitliche Diagnostik. «Ein Screening auf FASD soll verpflichtend für Neugeborene und Schulanfänger durchgeführt werden.» Für alkoholische Getränke fordert der Verein sichtbare Warnhinweise. Es müsse unmissverständlich darauf hingewiesen werden, dass jeglicher Alkoholkonsum in der Schwangerschaft das ungeborene Kind schädigt.

 

Nach Angaben des Wissenschaftlers Spohr ist Unkenntnis ein großes Problem. «Viele wissen nichts von der Gefahr, Alkoholismus ist tabuisiert.» Als eine Risikogruppe nennt er junge Frauen, die mehrfach in der Woche mit viel Alkohol feiern und dann unerwartet schwanger werden. «Dann haben wir junge kräftige Mütter, die Alkoholkinder zur Welt bringen.» Wie häufig Schwangere trinken, zeigt eine Studie der Charité: 58 Prozent der befragten schwangeren Frauen gaben an, gelegentlich Alkohol zu trinken.


04.09.2017 l PZ/dpa

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