Neurologie: Immuntherapie als neue Behandlungsoption |

Gedächtnisverlust, Epilepsie, psychiatrische oder Bewegungsstörungen – diese und viele weitere Beschwerden und Krankheiten können nach neuen Erkenntnissen auch durch Autoantikörper ausgelöst werden und daher auf Immuntherapien ansprechen. Das berichteten Experten am Wochenende beim 3. Kongress der European Academy of Neurology (EAN) in Amsterdam, wie die EAN mitteilt.
Lange Zeit ging man davon aus, dass das Gehirn nicht durch Autoantikörper gefährdet ist, weil es durch die Blut-Hirn-Schranke geschützt sein sollte. Inzwischen ist aber nachgewiesen, dass auch Proteine im Gehirn Ziel der Angriffe sein können. «Das ist zwar selten der Fall, aber wenn, dann führt es binnen weniger Tage oder Wochen zu schweren Erkrankungen», sagte Professor Dr. Angela Vincent von der Universität Oxford beim Kongress. «Die Wissenschaft hat sich diesem Phänomen in den vergangenen Jahren intensiv gewidmet, die Diagnose- und Therapiemöglichkeiten haben sich erheblich verbessert.»
Die Fortschritte beruhen auf der zunehmend möglichen Identifizierung jener Autoantikörper, die Erkrankungen des Gehirns auslösen. Diese greifen verschiedene Rezeptoren und Kanäle von Membranproteinen neuronaler und nicht neuronaler Zellen im Zentralnervensystem an. Zu diesen Zielen gehören zum Beispiel NMDA-Rezeptoren, andere Glutamatrezeptoren, GABA-Rezeptoren, sowie LGI1 und CASPR 2, zwei Proteine, die eine Rolle bei der Nervenerregung spielen.
Diese neuen Einsichten spielen bei der Früherkennung und Diagnose eine wesentliche Rolle. Ein Beispiel hierfür ist eine neu beschriebene Form von Epilepsie: Betroffene sind von häufigen, kurz auftretenden Spasmen der Arme und des Gesichts betroffen. Man geht davon aus, dass diese sogenannten faziobrachial dystonen Anfälle durch Autoantikörper gegen das Protein LGI1 ausgelöst werden.
Dr. Sarosh Irani von der Universität Oxford berichtete, dass betroffene Patienten gut auf eine Immuntherapie ansprechen, deren Anfälle verschwanden innerhalb weniger Wochen. Die Frage ist, ob auch manche therapierefraktäre Patienten mit herkömmlichen Epilepsien auf Immuntherapien ansprechen könnten, so Vincent: «Wir untersuchen das, ebenso wie eine Reihe anderer Forschergruppen. Es könnte sein, dass Autoantikörper bei einem kleinen Anteil typischer Epilepsien die Ursache der Erkrankung ist. Weitere Studien sind notwendig um zu sehen, ob diese Patienten auf Immuntherapien ansprechen.»
Mit der Verfügbarkeit kommerzieller Testkits sind Autoantikörper-Screenings inzwischen weit verbreitet. Doch es ist nicht so einfach zu definieren, welche Patienten tatsächlich sinnvollerweise auf Autoantikörper untersucht werden sollten. Immer mehr Antikörper im Blutserum und in der Rückenmarksflüssigkeit werden entdeckt. Manche sind relativ weit verbreitet, andere selten. Noch ist es Vincents Einschätzung nach zu früh zu beurteilen, ob ein umfangreiches Autoantikörper-Screening bei Menschen mit isolierten epileptischen Anfällen, Psychosen oder kognitiver Dysfunktion als Routinemaßnahme künftig sinnvoll sein wird.
27.06.2017 l PZ
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