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Kochtricks: Wie Krebspatienten wieder Appetit bekommen

 

Viele Krebspatienten möchten essen, nehmen aber immer mehr ab. Die Gründe sind unterschiedlich: Sie haben ihren Appetit verloren, finden ihre alten Lieblingsgerichte plötzlich ekelhaft oder haben wegen der Medikamente beim Essen einen metallischen Geschmack im Mund. Die veränderten Geschmackssinne führten häufig auch zu Konflikten mit dem Partner oder der Familie, berichtet Christina Berg von der Hessischen Krebsgesellschaft. Sie wollten dem Erkrankten etwas Gutes tun und bereiteten die alten Lieblingsgerichte zu. Wenn dem Erkrankten selbst diese plötzlich nicht mehr schmeckten, reagierten die Angehörigen oft enttäuscht oder hilflos.

 

Ein in Deutschland noch einzigartiges Selbsthilfeprojekt will Tipps und Tricks für mehr Genuss im Alltag zeigen. Initiator des Seminars «Genussvoll essen – gestärkt gegen Krebs» in der Kochschule von Mirko Reeh ist die Hessische Krebsgesellschaft. Mit Kräutern und Gewürzen will der Promikoch den Teilnehmern seines Workshops wieder den Genuss am Essen näher bringen. Die meisten der zwölf teilnehmenden Frauen und Männer sind an Krebs erkrankt, die anderen sind ihre Lebenspartner oder Mütter.

 

«Etwa die Hälfte der an Krebs erkrankten Menschen ist mangelernährt», fasst die Techniker Krankenkasse, die das Projekt unterstützt, wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen. «Die Mangelernährung ist für die Prognose der Erkrankten relevant», sagt Ernährungstherapeutin Ingeborg Rötzer vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg und dem Frankfurter Krankenhaus Nordwest. Viele hätten einen so hohen Eiweißbedarf wie Sportler. «Die Patienten sollten unter der Therapie und während der Erkrankung nicht an Gewicht verlieren.»

 

So wie eine 51 Jahre alte Frankfurterin, die zusammen mit ihrer 78 Jahre alten Mutter in die Kochschule von Mirko Reeh gekommen ist. Sie habe oft ohne jeden Appetit gegessen, nur um zu Essen, weil sie kein Gewicht mehr verlieren durfte und zwischenzeitlich künstlich ernährt werden musste, erzählt die an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte Frau. «Wenn man das Essen dann wieder rausgeben muss, war die Stunde, in der man es sich vorher reingequält hat, umsonst», beschreibt sie den Kampf mit dem Essen. Inzwischen durchlebe sie unterschiedliche Phasen. «Jetzt kann ich alles essen. Allerdings habe ich manchmal gar keinen Geschmack.»

 

Der Kochkurs setze nicht am Mangel an, sondern solle helfen, «Genussmöglichkeiten in den Alltag einzubauen», betont Rötzer. Zimt oder Vanille etwa könnten den metallischen Geschmack überlagern. Auch Minze und Rosmarin, weiche Speisen, Suppen und Soßen machten das Essen oft genussvoller. Und Fisch werde oft besser vertragen als Fleisch.

 

Einer beruflich sehr engagierten Sozialwissenschaftlerin half der auf drei Termine angelegte Workshop dabei, «ein Kochfan zu werden» und «aus meiner Küche meinen neuen Arbeitsplatz zu machen». «Ich habe immer gerne gegessen, aber nie gerne gekocht», beschreibt die 52-Jährige ihr Leben vor dem Krebs. «Jetzt habe ich keinen Magen mehr und muss dessen Funktion durch gründliches Kauen über den Mund kompensieren und mich intensiv mit dem Thema Ernährung auseinandersetzen», sagt die 1,68 Meter große Frau, die nur noch 44 Kilo wiegt. «Normale Portionen gehen gar nicht mehr.» Besser sei es, kontinuierlich zu essen: kleine Mengen und ganz langsam. Das erfordere einen hohen Organisationsaufwand. So hat sie inzwischen ständig eine Tasche mit Essen und etwas zu Trinken dabei.

 

«Ich musste erst lernen, zu sagen, ich kann nicht schneller, wenn die anderen schon beim zweiten Gang waren und ich noch bei der Vorspeise», erzählt die fröhliche Frau. «Ich vertrage wieder, was ich früher gerne gegessen habe.» Allerdings hat sie immer noch häufig Bauchschmerzen und muss gelegentlich über einen sogenannten Port unterhalb des Schlüsselbeins künstlich ernährt werden. Der Kurs, zu dem sie ihr älterer Bruder begleitete, habe ihren Appetit wieder angeregt. «Zusammen Kochen tut unheimlich gut. Das macht Freude und gibt positive Energie.»

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01.03.2017 l PZ/dpa

Foto: Fotolia/Halfpoint