Pharmazeutische Zeitung online

Krebs: Pilz-Halluzinogen lindert Depression und Angst

Datenschutz bei der PZ

Das in psychedelischen Pilzen vorkommende Halluzinogen Psilocybin kann bei Krebspatienten im Endstadium Angst und Depression mildern. Wie zwei Forscherteams im Fachjournal «Journal of Psychopharmacology» berichten, könne bereits eine einmalige psychedelische Erfahrung anhaltende mentale und gesundheitliche Vorteile bewirken. Wie der Effekt zustande kommt, ist unklar.

 

Die beiden Studien, die in Baltimore und New York unter der Leitung von Professor Dr. Steven Ross von der New York University School of Medicine und Professor Dr. Roland Griffiths vom Johns Hopkins Bayview Medical Center stattfanden, bestätigen frühere positive Ergebnisse zum Effekt des Halluzinogens Psilocybin bei Krebspatienten. An der Baltimore-Studie nahmen 51 Patienten teil, die unter Depressionen und/oder Ängsten litten. Sie erhielten entweder Psilocybin in einer sehr niedrigen, placeboähnlichen Dosis (1 oder 3 mg/70 kg) oder in zwei hohen Dosen (22 oder 30 mg/70 kg). Nach fünf Wochen folgte eine weitere Behandlung, wobei in einem Cross-over-Design die Placebogruppe nun hoch dosiertes Psilobycin erhielt und umgekehrt. An der New-York-Studie nahmen 29 Krebspatienten mit Depressionen und/oder Ängsten teil. Sie erhielten randomisiert einmalig entweder Psilocybin (0,3 mg/kg) oder Placebo. Als Placebo wurde Niacin verwendet, das eine Gefäßreaktion auslöst. Dieser Effekt sollte verhindern, dass die Patienten zwischen Wirkstoff und Placebo unterscheiden konnten. Beide Gruppen erhielten begleitend eine Psychotherapie. Auch hier folgte nach sieben Wochen ein Cross-over. Als primärer Endpunkt war die Veränderung in puncto Angst und Depression nach der Behandlung definiert, die anhand gängiger Skalen wie dem Beck-Depressions-Inventar (BDI), der Hospital Anxiety and Depression Skala (HADS) sowie des State-Trait Anxiety Inventars (STAI) bestimmt wurde.

 

Beide Forschergruppen berichten von ähnlichen Behandlungserfolgen: Bei jeweils rund 80 Prozent der Probanden besserten sich nach der Psilocybin-Einnahme spürbar Wohlbefinden und Lebensqualität. Die Studienteilnehmer hatten zwar weiter Angst vor dem Tod, sahen dem Sterben jedoch gelassener entgegen. Ihre allgemeine Lebenseinstellung wurde positiver und ihre Spiritualität stieg, was sich deutlich auf ihr allgemeines Wohlbefinden auswirkte. Der Effekt hielt auch sechs Monate später noch an. Studienleiter Ross beschrieb die Ergebnisse als beispiellos. Es gebe nichts Vergleichbares, so der Psychiater gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian».

 

Wie Psilocybin die nachhaltige Wirkung erzielt, ist unklar. Bekannt ist, dass das Halluzinogen mit hoher Affinität an Serotonin-Rezeptoren des Subtyps 5-HT2A im Gehirn bindet. Da die Rezeptor-Bindung jedoch nicht dauerhaft ist, lassen sich damit die langfristigen Effekte nicht erklären. Diese sollten in größeren Studien überprüft werden. (kg)

 

DOI: 10.1177/0269881116675513 (Baltimore)
DOI: 10.1177/0269881116675512 (New York)

 

05.12.2016 l PZ

Foto: Fotolia/yellowj