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Verstärkte Migration: Zahl der Genitalverstümmelungen steigt

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Mit der verstärkten Migration hat aus Sicht der Frauenrechtsorganisation «Terre des femmes» (TDF) auch die Zahl der Opfer von Genitalverstümmelungen in Deutschland zugenommen. In einer Hochrechnung wird ein Zuwachs um 37 Prozent auf rund 48.000 Betroffene angenommen, wie die Organisation laut Nachrichtenagentur dpa mitteilte. Dies sei vor allem auf den Zuzug von Frauen aus Eritrea und Somalia zurückzuführen, wo rund 90 beziehungsweise 98 Prozent der Frauen betroffen seien. Der Statistik liegt die Annahme zugrunde, dass der Anteil betroffener Frauen hierzulande genauso hoch ist wie im Herkunftsland.

 

Cornelia Strunz, Oberärztin im Berliner Krankenhaus Waldfriede, beobachte seit einer Weile, dass die Anfragen aus Flüchtlingsunterkünften mehr werden, so die dpa. Sozialarbeiter und Betreuer minderjähriger Mädchen fragten telefonisch an, weil ihre Schützlinge unter starken Schmerzen bei der Menstruation und wiederkehrenden Entzündungen litten. Das klinge relativ harmlos, doch oft stecke mehr hinter den angeblichen «Bauchschmerzen», so Strunz.

 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet vier Formen der Genitalverstümmelung bei Frauen. Allen Eingriffen ist gemeinsam, dass es keinerlei medizinische Notwendigkeit für sie gibt. Bei Typ 1 wird die Klitoris oder deren Vorhaut abgeschnitten. Typ 2 bedeutet, dass neben der Klitoris auch die inneren Schamlippen gekürzt oder entfernt werden. Bei Typ 3, auch pharaonische Beschneidung genannt, werden die Schamlippen entfernt und die Wunde so vernäht, sodass nur ein kleines Loch bleibt. Urin und Menstruationsblut tröpfeln unter Umständen über ein eingesetztes Röhrchen heraus. Die Blase zu leeren, kann in diesen Fällen eine halbe Stunde dauern. Vor dem ersten Sex greife der Mann zum Messer, schildern Mediziner. Typ 4 steht schließlich für andere schädigende Eingriffe wie Einstechen, Schaben oder Ausbrennen. Je nach Art des Eingriffs haben Betroffene oft ein Leben lang mit den gesundheitlichen Folgen zu kämpfen. Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks Unicef gibt es weltweit mindestens 200 Millionen Mädchen und Frauen, die einer solchen Prozedur unterzogen wurden – die Hälfte in Indonesien, Ägypten und Äthiopien.

 

Der Trend geht aus Sicht von TDF dahin, Mädchen in immer jüngerem Alter beschneiden zu lassen – als Säugling. So bekämen sie bewusst nichts von dem Eingriff mit und könnten nicht davon erzählen, denn Genitalverstümmelung ist in Deutschland inzwischen strafbar. Mehrere Ärzte berichten, sie hätten von heimlichen Eingriffen in Deutschland gehört. Angezeigt wurde jedoch beispielsweise in Berlin kein einziger Fall, seitdem es den Straftatbestand gibt. Der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske, sagt, es gebe wenige bis gar keine Fälle. Größere Kinder werden allerdings im Genitalbereich nicht angeschaut. Aber auch Maske sagt: «Bei Flüchtlingskindern legen wir vermehrt Augenmerk drauf.» Experten sind der Ansicht, dass es Flüchtlingen an Kontakten mangele und sie gewichtigere Probleme als die Beschneidung ihrer Töchter hätten. Für gefährdet halten sie eher Kinder in Familien, die bereits in Deutschland sozialisiert sind. (ke)

 

19.07.2016 l PZ/dpa

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