Tabak und Alkohol: Patienten ernst nehmen und helfen |

Tabak- und Alkoholsucht müssen in Deutschland endlich als das wahrgenommen werden, was sie sind: Erkrankungen, die zu erheblichen Gesundheitsschäden führen, aber behandelbar sind. Diese Forderung verbindet die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) mit der Veröffentlichung zweier neuer S3-Leitlinien zu Screening, Diagnose und Behandlung alkohol- und tabakbezogener Störungen. «Menschen mit Tabak- oder Alkoholabhängigkeit sind in Deutschland in einem Maß unterbehandelt, dass man eigentlich von einer Nicht-Behandlung sprechen muss», sagte DGPPN-Präsident Professor Dr. Peter Falkai bei der Vorstellung der Leitlinien in Berlin.
Die Zahlen sind erschreckend: Alkoholabhängige kostet ihre Sucht durchschnittlich 15 bis 20 Lebensjahre, starke Raucher sterben etwa zehn Jahre früher als Nichtraucher. Jährlich sterben in Deutschland etwa 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs und circa 110.000 an den Folgen des Rauchens. Doch obwohl es wirksame Therapieoptionen gibt, kommen diese nur einer Minderheit der Betroffenen zugute. Laut DGPPN erhalten rund 10 Prozent der Alkoholabhängigen und weniger als 15 Prozent der aufhörwilligen Raucher eine spezifische Therapie. «Man hat fast den Eindruck, diese Patientengruppe existiert überhaupt nicht», sagte Falkai.
Im Fall der Alkoholsucht ist es vor allem die gesellschaftliche Stigmatisierung, die verhindert, dass Betroffene von sich aus Hilfe suchen, Rauchen gilt vielen nach wie vor als ungesunder Lebensstil und nicht als behandelbare Suchterkrankung. Beides dürfe aber insbesondere Ärzte nicht davon abhalten, den Alkohol- beziehungsweise Tabakkonsum ihrer Patienten zu thematisieren. «Die Patienten anzusprechen und nach ihren Rauch- und Trinkgewohnheiten zu befragen, ist das Entscheidende», sagte Falkai. «Da reden wir über fünf Minuten, das kann jeder Arzt leisten.»
Ist auf diese Weise ein Betroffener identifiziert, der seinen Konsum einschränken beziehungsweise beenden will, muss er dabei so gut wie möglich unterstützt werden. Doch hier baut das deutsche Gesundheitssystem teilweise hohe Hürden auf. So werden Nicotin-Kaugummis oder -Pflaster nach wie vor von den Krankenkassen nicht bezahlt. «Dabei sind sie Teil des Behandlungskonzepts», so Falkai. (am)
04.02.2015 l PZ
Foto: Fotolia/Monkey Business