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Fieberkrämpfe: Mutationen als Ansatz für neue Medikamente

 

Gleich zwei neue Veröffentlichungen in «Nature Genetics» beschäftigen sich mit Genmutationen, die das Risiko für Fieberkrämpfe im Kleinkindalter erhöhen. Sie zeigen Ansatzpunkte, um Impfungen sicherer zu machen und neue Medikamente gegen epileptische Anfälle zu entwickeln. Etwa 2 bis 5 Prozent aller Kinder erleiden in jungen Jahren einen Fieberkrampf. Diese epileptischen Episoden dauern meist ein bis zwei Minuten an und sind in der Regel harmlos und folgenlos. In seltenen Fällen entwickelt sich eine Epilepsie bis ins Erwachsenenalter hinein. Fieber selbst, aber auch durch die Mumps-Masern-Röteln-Impfung (MMR) ausgelöstes Fieber kann zu Fieberkrämpfen führen, typischerweise in der zweiten Woche nach der Impfung.

Ein dänisches Forscherteam vom Statens-Serum-Institut in Kopenhagen verglich das Genom von rund 1300 Kindern, die nach einer MMR-Impfung einen Fieberkrampf erlitten, mit denen von 2000 Kindern mit Fieberkrämpfen anderer Ursache sowie von 5800 Kindern ohne Fieberkrampf.  Dabei fanden sie Mutationen in zwei Genen, die nur bei den mit der Impfung im Zusammenhang stehenden Fieberkrämpfen auftraten. Beide Gene kodieren für Proteine, die beim angeborenen Immunsystem eine Rolle spielen. IFl44L gehört zu den Interferon-stimulierenden Genen und wird nach der Masern-Lebendimpfung verstärkt exprimiert, wie bereits andere Studien gezeigt hatten. CD46 kodiert für einen Faktor des Komplementsystems. Zudem fanden die Wissenschaftler um Dr. Bjarke Feenstra vier weitere Mutationen, die mit Fieberkrämpfen allgemein assoziiert waren, davon eine in einer Region, die an der Regulation des Magnesium-Haushalts beteiligt ist. Die anderen drei beeinflussen die Struktur von Membrankanälen auf Neuronen und damit die Erregbarkeit der Nervenzellen, die bei Epilepsie erhöht ist.

In einer davon unabhängigen Studie fand ein internationales Forscherteam weitere relevante Mutationen bei Fieberkrämpfen, die sich auf das Gen STX1B auswirken. Sie verändern das Protein Syntaxin-1B, das auch mit dem Auftreten von Epilepsie assoziiert ist.  Fündig wurden die Wissenschaftler bei mehreren Familien, bei denen besonders häufig Fieberkrämpfe auftraten, sowie bei vielen weiteren Patienten mit therapieresistenten, schweren Epilepsien. Demnach kann es bereits bei moderatem Temperaturanstieg bei den betroffenen Kindern zu einer Störung von Botenstoffen an der Synapse und infolge zu elektrischen Entgleisungen, einem epileptischen Fieberkrampf, kommen, schreiben die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie in einer gemeinsamen Pressemitteilung.

«Wir haben nun herausgefunden, dass bei Fieberkrämpfen STX1B-Mutationen einen Prädiktor für Epilepsie darstellen und diese auch Ursache schwerer Epilepsien mit Entwicklungsstörungen sein können», so Ko-Studienleiterin Professor Dr. Yvonne Weber vom Universitätsklinikum Tübingen. «Einige dieser fieberempfindlichen Kinder entwickeln später eine schwere Epilepsie, die zu schwersten Beeinträchtigungen bis hin zum plötzlichen Tod führen kann», ergänzt DGN-Vertreter Professor Dr. Walter Paulus. «Ein erheblicher Teil dieser Patienten ist mit bis zu 20 verschiedenen Epilepsiemedikamenten nicht ausreichend gut zu therapieren. Mit solchen Forschungen rückt der Zeitpunkt näher, an dem wir bei therapieresistenten Epilepsien auch im Erwachsenenalter ein umfassendes Verständnis für Ursachen, Therapierbarkeit und auch Prognose erhalten.»

Mit Kollegen aus Luxemburg und Leuven untersuchten die Tübinger auch die Auswirkungen von STX1B-Mutationen an Zebrafischen. Temperaturabhängig konnten die Forscher bei Versuchstieren mit den Mutationen einen epileptischen Anfall auslösen. Laut DGN könnten an diesem Modell in Zukunft auch Wirkstoffkandidaten gegen Fieberkrämpfe und Epilepsien getestet werden. (dh)

DOI: 10.1038/ng.3129 (dänische Studie)
DOI: 10.1038/ng.3130 (deutsche Studie)

 

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04.11.2014 l PZ

Foto: Fotolia/nadezhda1906