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Erster Weltkrieg: Entwicklungsschub in der Medizin

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Heute vor hundert Jahren begann der Erste Weltkrieg. Neue Waffen wie Gas und Panzer, Granaten, Flammenwerfer und Maschinengewehre stellten die behandelnden Ärzte vor immense Aufgaben. «Dieser Krieg hatte auch medizinisch eine neue Dimension. Zum ersten Mal übertraf die Zahl der Verletzungen die der Durchfallerkrankungen durch schlechtes Wasser, Ruhr oder Cholera», sagt der Medizinhistoriker Wolfgang Eckart (Universität Heidelberg).

 

1916 richtet die Berliner Charité in ihrer Nasen- und Ohrenklinik erstmals eine Abteilung für Gesichtsplastik ein – geschuldet der immer größeren Zahl von Soldaten mit schwersten Gesichtsverletzungen. «In der plastischen Chirurgie gab es durch den Krieg große Fortschritte, aber neu waren auch die Entwicklungen in der Neurochirurgie», sagt Eckart. Durch den langen Stellungskrieg in den Schützengräben waren die Köpfe der Soldaten besonders gefährdet: Es gab zahllose Verletzungen und Durchschüsse, oft auch Teilausfälle bestimmter Hirnregionen. «Das war aufschlussreich zum Beispiel für die Aphasieforschung, um festzustellen, welche Hirnbereiche für Merkfähigkeit und Sprache wichtig waren.»

 

Völlig neu waren die Bandbreite und das Ausmaß der psychischen Versehrungen: Schocks und Traumata, zuvor nur in Einzelfällen von ersten Eisenbahnunglücken oder dem Untergang der Titanic bekannt, erschüttern nun Hunderttausende Frontsoldaten. Viele werden zu sogenannten Kriegszitterern. «Heute spricht man von Posttraumatischer Belastungsstörung. Aber da man damals keine körperlichen Gründe für die Leiden finden konnte, hieß es, die Leute würden ihre Krankheit unbewusst instrumentalisieren, weil ihr Überlebenswille zu stark sei», berichtet Eckart. Die primäre Therapie dafür war, diesen Willen zu brechen. Mit Gegenschrecken soll der Schrecken kuriert werden, um die Soldaten möglichst schnell an die Front zurückschicken zu können. Die Methoden: Anschreien, Starkstrombehandlungen, Dauerbäder, Schein-Operationen oder gar Schein-Exekutionen. «Das war der erste Sündenfall der Psychiatrie», bilanziert Eckart. «Und die Behandlung der Betroffenen verschärfte sich im Laufe des Kriegs.»

 

Verletzungen durch perfide Kampfgase kamen hinzu, für die es kaum Gegenmittel gab. Einen starken Schub bekam die Transfusionsmedizin, denn durch Nitrat konnte das Blut flüssig gehalten werden. Doch an der Front fehlten Kühlketten. Deshalb fanden viele Transfusionen von Mann zu Mann statt.

 

Neue medizinische Herausforderungen gab es auch weit weg von den Frontlinien: Denn nicht nur mit Prothesen und Gehwägelchen versehene Kriegsversehrte brachten den Krieg in den Alltag, sondern auch die immensen Versorgungsengpässe. Im Winter 1916/17, dem sogenannten Kohlrübenwinter, hatten Kinder, Frauen und Alte an der sogenannten Heimatfront kaum noch etwas zu essen. Tuberkulose machte sich breit, in manchen Regionen wurde das von Läusen übertragene Fleckfieber zur Seuche. An der Ostfront wurde die Ausbreitung der Erreger armen Bewohnern der jüdischen Schtetl angelastet, es kam zu antisemitischen Attacken. Der Medizinhistoriker Eckart bilanziert: «Hier und auch in den psychiatrischen Heimen, wo viele Patienten vor Hunger starben, fängt das nationalsozialistische Denken an.»

 

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28.07.2014 l dpa

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