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Beschneidung: Erste Klinik mit ganzheitlicher Betreuung

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Frauen mit Genitalverstümmelungen können in Berlin künftig fachgerechte medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Im Stadtteil Zehlendorf wurde im Krankenhaus Waldfriede das europaweit erste Zentrum eröffnet, das beschnittene Frauen chirurgisch und psychologisch betreut: das «Desert Flower Center» Waldfriede.

 

Schirmherrin des Projekts ist laut einer Pressemitteilung des Krankenhauses die als Kind selbst beschnittene, inzwischen 48-jährige Bestsellerautorin Waris Dirie («Wüstenblume»), die sich als UN-Sonderbotschafterin seit Jahren gegen das Ritual der Beschneidung einsetzt. Ihre Stiftung «Desert Flower Foundation» werde künftig mit dem Krankenhaus Waldfriede im «Desert Flower Center» zusammenarbeiten, heißt es in der Pressemitteilung weiter.

 

Nach Angaben des Krankenhauses stehen im «Desert Flower Center»  Beckenbodenchirurgen, Psychologen, Seelsorger, ein Sozialdienst und Selbsthilfegruppen für eine weitergehende Betreuung bereit. «Unser Krankenhaus beschäftigt sich seit Jahren mit den Erkrankungen des Beckenbodens. In Deutschland gibt es nur fünf bis zehn solcher Fachabteilungen an Krankenhäusern», sagte Dr. Roland Scherer, Chefarzt des Zentrums für Darm- und Beckenbodenchirurgie gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Für den Tag nach der Eröffnung stünden bereits drei Eingriffe auf seinem OP-Plan, weitere Anfragen seien im Krankenhaus bereits eingetroffen, so dpa. Pro Jahr rechne Scherer mit 50 bis 100 Patientinnen.

 

Weltweit müssen zurzeit 125 Millionen Mädchen und Frauen mit den Folgen einer Genitalverstümmelung leben. Drei Millionen Mädchen sind jährlich in Gefahr, an ihren Genitalien beschnitten zu werden. Bei der radikalsten Form, der Infibulation, werden den Frauen die Klitoris und die kleinen Schamlippen herausgeschnitten. Die Vaginalöffnung wird bis auf eine winzige Öffnung zum Abfluss des Menstruationsblutes und zum Urinieren mit einer Naht verschlossen. Anschließend werden den Frauen die Beine zusammengebunden, damit die Wunde nicht aufreißt. Meistens erfolgen diese Eingriffe ohne Betäubung. Ihre Folgen sind schwerwiegend. Es drohen starke Blutungen, (chronische) Infektionen, Inkontinenz oder Unfruchtbarkeit. Hinzu können massive Störungen der Sexualität, Depressionen und Psychosen kommen.

 

In Deutschland geht die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes von circa 24.000 bereits betroffenen und 6000 noch gefährdeten Mädchen und Frauen aus. Erst im Juni dieses Jahres hat der Bundestag im Strafgesetzbuch einen eigenen Paragrafen für die Genitalverstümmelung eingeführt, der eine Freiheitsstrafe von einem bis 15 Jahren vorsieht. (ke)

 

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Beschneidung: Weniger Mädchen werden verstümmelt, PZ 31/2013

 

13.09.2013 l PZ

Foto: Fotolia/Schepi