Expertenstreit: Wie häufig kommt Borreliose vor? |

In Deutschland gibt es bisher keine bundesweite Meldepflicht für Borreliose. Obwohl es hierzulande die am häufigsten von Zecken übertragene Infektionskrankheit ist, verweigern sich Politiker und Ärzteschaft einer generellen Meldepflicht, die Borreliose als «schwerwiegende Erkrankung für die Allgemeinheit» in den Pflichtenkatalog des Infektionsschutzgesetzes heben würde. Rheinland-Pfalz und das Saarland führten im Juli dieses Jahres als erste westdeutsche Bundesländer die Meldepflicht ein, die es in den östlichen Ländern bereits seit Anfang der 1990er-Jahre gibt. Ärzte müssen den Gesundheitsämtern mitteilen, wenn sie einen Patienten wegen dieser Erkrankung behandeln.
Seit diesem Sommer seien beim Landesuntersuchungsamt (LUA) Rheinland-Pfalz insgesamt mehr als 1800 Erkrankungen registriert worden, berichtet die «Rhein-Zeitung». Die Meldezahlen in Rheinland-Pfalz lägen «deutlich über denen, die aufgrund der vergangenen Meldungen aus den neuen Ländern zu erwarten waren», zitiert die Zeitung LUA-Sprecherin Kerstin Stiefel. Doch Ute Fischer, Sprecherin vom Borreliose- und FSME-Bund Deutschland (BFBD) zweifelte an den Zahlen der ostdeutschen Bundesländer. Die Meldepflicht sei dort so ausgelegt, dass möglichst kleine und zudem uneinheitliche Zahlen zusammen kämen. Mal meldet der Arzt, mal das Labor, mal beide. Dadurch passiert es, dass zum Beispiel das Land Sachsen-Anhalt im Jahre 2009 lediglich 357 Erkrankungen gemeldet bekam, aber Ärzte 1259 Borreliosen als frische Infektion abrechneten.
Weiterhin kritisierte der BFBD, dass das Nationale Referenzzentrum Borrelien (NRZ) immer noch Zahlen von 40 000 bis 80 000 Borreliose-Neuinfektionen pro Jahr verbreite, obwohl Hochrechnungen der Gesetzlichen Krankenversicherung von fast 1 Million ausgehen. Die Leidtragenden dieser bewussten Verharmlosung seien die Patienten, die mangels medizinischem Wissen keine oder falsche Diagnosen erhalten. (ar)
10.10.2011 l PZ
Foto: ABDA