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Medikament löscht Angsterinnerung

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Ein Betablocker könnte Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung helfen: Der Wirkstoff Propranolol entkoppelt Angstgefühle von traumatischen Erinnerungen. Schreckliche Ereignisse wie Attentate, Autounfälle oder Vergewaltigungen graben sich normalerweise in das Gedächtnis ein. Auch Jahre später können Erinnerungen an die Ereignisse zu starken emotionalen Reaktionen führen. In besonders ausgeprägter Form zeigt sich dies bei Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), die bei Kriegsveteranen häufig auftritt. Das Problem ist: Einmal festgelegt (konsolidiert), lassen sich Erinnerungen nicht mehr verändern. Doch wenn Erinnerungen noch einmal wachgerufen werden, lassen sie sich «bearbeiten», was Neurologen als «Rekonsolidierung» bezeichnen.

 

Merel Kindt und ihre Kollegen von der Universität Amsterdam untersuchten nun, ob sie diese Rekonsolidierung mithilfe von Propranolol beeinflussen können. Aus Tierversuchen war bekannt, dass der Betablocker angstbesetzte Erinnerungen löschen kann. Nun wollten die niederländischen Forscher überprüfen, ob sich dies auch auf Menschen übertragen lässt. Hierfür konditionierten sie 60 Freiwillige auf Angst vor Spinnen. Sie zeigten den Probanden Bilder von Spinnen und setzten sie dann über Kopfhörer einem schmerzhaft lauten Ton aus. Am nächsten Tag unterteilten sie die Probanden in drei Gruppen: 20 von ihnen erhielten 40 mg Propranolol, bevor ihnen durch Zeigen derselben Spinnenbilder die Angsterinnerung wachgerufen wurde; 20 weitere Freiwillige erhielten Placebo. Die dritte Gruppe als zweite Kontrolle erhielt zwar 40 mg Propranolol, doch die angstbesetzte Erinnerung wurde nicht geweckt. Die Angst maßen die Forscher am Zucken der Augenlider der Probanden.

 

Am dritten Tag mussten sich alle Probanden die Spinnenbilder ein weiteres Mal anschauen: Die Placebogruppe reagierte immer noch mit Angst auf die Fotos, während die Probanden der Propranololgruppe die Furcht vor ihnen verloren hatte. Die Gabe von Propranolol ohne das anschließende Wachrufen der Erinnerungen konnte die Angst dagegen nicht auslöschen, berichten die Forscher im Fachjournal «Nature Neuroscience» (Doi: 10.1038/nn.2271). Die Schreckensreaktion in der ersten Gruppe war nicht nur gelöscht, sie ließ sich auch durch erneute Konditionierung nicht wieder herstellen.

 

Wie genau Propranolol die Erinnerung von der Angstreaktion trennt, können die Forscher noch nicht genau sagen. Der Wirkstoff wirkt selektiv auf β-adrenerge Rezeptoren im Mandelkern (Amygdala), die für die Verknüpfung von Gedächtnisinhalten mit Emotionen verantwortlich sind. Kindt und ihre Kollegen vermuten, dass die Blockade der Rezeptoren durch Propranolol die Protein-Synthese im Mandelkern stört und somit die Verknüpfung von Erinnerung und Angst gelöscht wird. (ch)

 

16.02.2009 l PZ

Foto: Fotolia/Feketa