| Lukas Brockfeld |
| 03.09.2026 10:30 Uhr |
Alexander Müller, Felix Recke-Friedrich, Sonja Radde, Silke Gebel und Christian Zander (v. l. n. r.) sprachen über die Berliner Gesundheitspolitik. / © PZ/Brockfeld
Am 20. September wird in der Hauptstadt gewählt. Der Urnengang steht auch im Zeichen eines historischen Hitzesommers sowie mehrerer internationaler Krisen und Zwischenfällen. Daher luden der Berliner Apotheker-Verein (BAV) und der Hartmannbund Landesverband Berlin unter dem Motto »Berlin krisenfest machen – Gesundheitsversorgung vor Ort stärken« am Mittwochabend zu einer Podiumsdiskussion ein.
Zur Begrüßung betonten die BAV-Vorsitzenden Anke Rüdinger und Andrea Lietz-Partzsch, 2. stellvertretende Vorsitzende des Berliner Hartmannbundes, wie wichtig eine stabile ambulante Versorgung gerade in Krisenzeiten ist. Es gehe nicht nur um konkrete Pläne zur Vorsorge, sondern auch auskömmliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen im Alltag.
Andrea Lietz-Partzsch (links) und Anke Rüdinger begrüßten gemeinsam die Gäste. / © PZ/Brockfeld
Im Anschluss diskutierten die Landespolitikerinnen und -politiker Silke Gebel (Bündnis 90/die Grünen), Sonja Radde (Die Linke), Christian Zander (CDU) und Felix Recke-Friedrich (FDP) über die künftige Gesundheitspolitik der Hauptstadt. Die Moderation übernahm PZ-Chefredakteur Alexander Müller.
Silke Gebel erinnerte an den großen Stromausfall in der Hauptstadt zu Jahresbeginn. Ein vergleichsweise simpler Angriff habe die Gesundheitsversorgung in mehreren Einrichtungen ernsthaft gefährdet. »Die nächste Regierung hat die Aufgabe, eine Resilienzstrategie zu entwickeln. Vor allem mit Blick auf das Gesundheitswesen«, sagte die Grüne. Apotheken müssten hier eine zentrale Rolle spielen und könnten als erster örtlicher Anlaufpunkt dienen. Das gelte auch während Hitzewellen wie in diesem Sommer.
Felix Recke-Friedrich pflichtete dem bei. »Der Fehler, den wir immer wieder machen, ist, dass wir in großen Szenarien wie dem NATO-Bündnisfall denken. Wir haben auch Probleme wie Hitze, Waldbrände oder Cyberangriffe«, mahnte der Liberale. Eine gute Resilienzstrategie müsse die möglichen Katastrophenszenarien zusammendenken und auch kleine Einrichtungen wie Apotheken und Praxen einschließen.
Die Ärztin Sonja Radde (Linke) berichtete von ihrem Austausch mit dem Krisenstab der Charité. Selbst das große Krankenhaus habe Probleme, sich krisenfest aufzustellen. Für kleine Einrichtungen wie Apotheken sei das noch schwieriger. Nach der Wahl solle die Landespolitik daher alle Akteure des Gesundheitswesens in einem Gremium zusammenbringen, um gemeinsam Maßnahmen für den Ernstfall zu prüfen. »Ein solches Gremium könnte auch dazu genutzt werden, um die hier immer wieder geforderte Resilienzstrategie zu erarbeiten«, sagte die Linke.
Später erklärte Sonja Radde auch, warum ihre Partei den Versandhandel mit Arzneimitteln grundsätzlich verbieten möchte. »Eine Apotheke ist kein Medikamentensupermarkt, sondern ein essenzieller Bestandteil unserer Versorgung. Das geht nur über den persönlichen Kontakt«, betonte die Linke. Die Apotheken seien für viele Menschen nicht nur im Krisenfall unverzichtbar. Die Versender seien mit ihren unfairen Wettbewerbspraktiken eine Gefahr für diese essenzielle Infrastruktur.
Christian Zander möchte sich im Bundesrat für ein Verbot des Versandhandels einsetzen. »Wir machen immer viele Verrenkungen, um die Apotheken zu stärken, hier lassen wir zu, dass das einfach ins Ausland wandert«, klagte der Christdemokrat. Als weiteres großes Problem nannte er die fehlenden Temperaturkontrollen in den Lieferwagen. Diese Praxis sollte nach Möglichkeit gänzlich verboten werden.
Felix Recke-Friedrich kritisierte auch, dass zu viele Anbieter wie dm ohne ausreichende Kontrolle in den Gesundheitsmarkt vorstießen. »Wir müssen darüber diskutieren, wie wir mit Gesundheitskompetenz umgehen. Mit Blick auf Social-Media-Trends, Abnehmspritzen & Co. liegt aktuell einiges im Argen. Aber wir sollten neue Angebote nicht verteufeln und auch als Chance sehen«, sagte der FDP-Politiker.
Christian Zander äußerte sich grundsätzlich wohlwollend zu Angeboten wie Augenscreenings. Aber Drogerieketten seien dafür der falsche Ort. »Da ist niemand, an den ich mich wenden kann, wenn ich Fragen habe. Wenn ein solches Screening in einer Apotheke stattfände, könnte ich das eher nachvollziehen. So ein Angebot gehört in die richtigen Hände«, betonte der Christdemokrat.
In angeregter Diskussion mit rund 30 Apothekerinnen und Apothekern sowie Ärztinnen und Ärzten wurde deutlich, dass die Resilienz des System bei stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen beginnt. Die Ärzteschaft bemängelt die Sparmaßnahmen im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, die Vertreter der Apotheker verwiesen auf die unfairen Rahmenbedingungen gegenüber dem Versandhandel, der sich nicht an geltende Vorschriften halte.
Von den Politikern mehrfach wohlwollend bemerkt wurde der Schulterschluss der Heilberufe. In der Hauptstadt ist das eingeübte Praxis: Bereits Anfang Juli haben der Berliner Apotheker-Verein und der Landesverband des Hartmannbunds gemeinsam ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie sieben Kernforderungen zur Resilienz formulieren:
»Die Fähigkeit einer Stadt, ihre Bevölkerung auch in Krisen- und Notlagen medizinisch und pharmazeutisch versorgen zu können, ist ein zentraler Bestandteil staatlicher Daseinsvorsorge. Resilienz entsteht nicht erst im Krisenfall, sondern durch die langfristige Sicherung leistungsfähiger Strukturen vor Ort«, heißt es in dem Papier.