| Annette Rößler |
| 15.09.2026 09:00 Uhr |
Tumoren versetzen das Blut in einen Zustand der Hyperkoagubilität: Es bilden sich leichter Blutgerinnsel, die unter anderem zu Schlaganfällen führen können. / © Getty Images/Micro Discovery
Tumoren beeinflussen die Blutgerinnung auf unterschiedliche Weise: Sie setzen einerseits Botenstoffe frei, die direkt prothrombotisch wirken, und erhöhen andererseits auch indirekt das Thromboserisiko durch proinflammatorische Zytokine. In der Folge ist das Risiko für Thromboembolien, ischämische Schlaganfälle und Herzinfarkte bei Tumorpatienten erhöht, und zwar bereits unmittelbar vor der Krebsdiagnose. Dass auch das erste Jahr nach der Krebsdiagnose als kritisch mit Blick auf das Schlaganfallrisiko gelten muss, zeigt nun eine im Fachjournal »Cancer« veröffentlichte Untersuchung aus Israel.
Das Team um Carmit Libruder von der Universität Haifa wertete im Rahmen der retrospektiven Kohortenstudie Krebs- und Schlaganfallregisterdaten aus ganz Israel aus. Alle Bewohner des Landes im Alter ab 40 Jahren, bei denen zwischen 2014 und 2021 erstmals eine invasive Krebserkrankung diagnostiziert worden war, wurden ein Jahr lang auf einen ersten Schlaganfall nachbeobachtet. Anschließend schauten die Forschenden unter anderem, wann in diesem Zeitraum und bei welchen Krebsarten das Risiko am stärksten erhöht war.
Insgesamt erlitten 182.221 Patienten im ersten Jahr nach der Tumordiagnose einen Schlaganfall. Damit lag das Schlaganfallrisiko für Krebspatienten 80 Prozent über dem der Allgemeinbevölkerung (Standardized Incidence Ratio, SIR 1,8). Am höchsten war das Risiko in den ersten drei Monaten nach der Diagnose (SIR 2,5). Bezogen auf die Tumorentität war das Schlaganfallrisiko bei Bauchspeicheldrüsen- und Lungenkrebs am höchsten (SIR 5,9 beziehungsweise 3,9), während häufige Krebsarten wie Brust- und Prostatakrebs nicht mit einer signifikanten Risikoerhöhung einhergingen. Weitere Faktoren, die das Schlaganfallrisiko beeinflussten, waren das Alter des Patienten (höheres Risiko bei jüngeren als bei älteren Patienten) und das Tumorstadium (höheres Risiko bei metastasierter als bei lokalisierter Erkrankung).
Die erste Zeit nach einer Krebsdiagnose stelle ein besonders kritisches Zeitfenster bezüglich des Schlaganfallrisikos dar, schlussfolgern die Autoren. Patienten mit stark erhöhtem Risiko sollten frühzeitig identifiziert und gegebenenfalls präventiv behandelt werden.