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Umfrage bei den Kammern

Wie die Apotheke weiterarbeiten kann

Welche Berufe in der Apotheke gelten als systemrelevant, kann im Notfall zusätzliches Personal rekrutiert werden und wie variabel sind die Öffnungszeiten der Apotheke? Die PZ hat bei den 17 Apothekerkammern nachgefragt – und erhielt viele übereinstimmende Antworten.
Brigitte M. Gensthaler
18.03.2020  08:00 Uhr

Das öffentliche Leben in Deutschland steht weitgehend still. Geschäfte, Schulen und Kindertagesstätten sind geschlossen. Von den Schließungen ausgenommen sind bestimmte Gruppen, die in der Daseinsvorsorge tätig sind – unter anderem medizinische Einrichtungen und Apotheken.

Doch welche Berufe in der Apotheke sind systemrelevant, fragte die PZ bei den Kammern nach. Und erhielt die klare Antwort: Aus Sicht aller Kammern sind alle Berufsgruppen systemrelevant, die zur Aufrechterhaltung des Apothekenbetriebs beitragen. Das gilt für pharmazeutisches Personal (Apotheker, PTA, Pharmazie-Ingenieure und Vorexaminierte) ebenso wie für PKA, Boten- und Reinigungsdienste.

Aus rechtlicher Sicht obliegt die Einstufung allerdings nicht den Kammern, sondern den Behörden. Das Bayerische Sozialministerium teilte der Landesapothekerkammer bereits mit, dass das »in Apotheken beschäftigte Personal in einem Bereich der kritischen In­frastruktur beschäftigt« sei. Und die Regelung zur Kita- und Schul-Notbetreuung in Berlin spricht von »betriebsnotwendigem Personal im Gesundheitsbereich«.

Arzneimittelversorgung sicherstellen

Oberstes Ziel ist immer die Sicherstellung der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung – notfalls auch durch die sogenannte Notdienstklappe der Apotheke, wie die Apothekerkammer des Saarlandes ihren Mitgliedern mitteilt.

Bei der Erfüllung des Versorgungsauftrags gehe es nicht um ein »Wichtigkeitsranking« der Mitarbeiter, sondern um eine risikobezogene Personalplanung, schreibt die Apothekerkammer Nordrhein und weist unter anderem auf die Schnittstellen Backoffice – Handverkauf sowie die Einteilung der Arbeitsschichten und Übergaben hin. Eine besonnene Planung ist essenziell, damit »die Apotheke weiter versorgen kann und darf« – und nicht selbst unter Quarantäne gestellt wird. Doch trotz Pandemie ist klar: Pharmazeutische ­Tätigkeiten sind weiterhin dem pharmazeutischen Personal vorbehalten.

Explizit weisen mehrere Kammern auf die zunehmende versorgungsrelevante Funktion des Botendienstes hin. Da vermehrt Patienten nicht mehr in die Apotheke kommen können, weil sie infiziert sind, unter häuslicher Quarantäne stehen oder zu einer Risikogruppe gehören, steige der Bedarf an Botendiensten immens. Hier könnten Apotheken auch an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.

Ein besonderes Problem sprechen die Apothekerkammern Brandenburg und des Saarlandes an: Nur Menschen, die im Ausland arbeiten beziehungsweise in Bereichen der Daseinsvorsorge tätig sind, dürfen derzeit noch die Grenze passieren. Sie empfehlen den Apothekenleitern, den betroffenen Mitarbeitern eine entsprechende Bescheinigung auszustellen. Zudem sollten »Grenzgänger« ihren Arbeitsvertrag und die letzte Lohnbescheinigung mit sich führen.

Keine Zwangsverpflichtung für Rentner

Was können die Kammern im Katastrophenfall tun, wenn das Personal in den Apotheken knapp wird? Für eine »Zwangsverpflichtung« von Kammermitgliedern, zum Beispiel von Apothekern im Ruhestand, gebe es derzeit ­keine rechtliche Grundlage, so die einhellige Meinung. Überwiegend wird dies auch prinzipiell kritisch gesehen, denn ältere Menschen sind besonders gefährdet, einen schweren Covid-19-­Krankheitsverlauf zu erleiden. Zum ­anderen sei nach längerer Arbeitspause in der Regel eine längere Einarbeitung nötig.

Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe weist auf ihre seit Jahren bewährte regionale Notfallliste hin, über die erfahrene Apotheker bei Notfällen kurzfristig einspringen. Da dies meist ältere Kollegen sind, sei dies aktuell nur »bedingt geeignet«, schränkt die Kammer ein.

Ob Appelle an derzeit nicht berufstätige Apotheker zur freiwilligen Mitarbeit sinnvoll sind, wird unterschiedlich gesehen. Die Kammer Mecklenburg-Vorpommern fragt derzeit präventiv ab, wer in der Not bereit wäre, Unterstützung zu leisten. Auch andere Kammern sehen hier einen »Reservepool«: Wer fachlich fit ist und keine chronischen Krankheiten hat, könne einen Beitrag zur Unterstützung leisten, meint die Apothekerkammer Hamburg. Und aus Nordrhein kommt die Bitte, sich an die Kammer zu wenden, wenn Apotheker die Versorgung in Krisenzeiten unterstützen wollen.

Mehrere Kammern verweisen auf ihren online-Stellenmarkt. Zudem gebe es Portale, die approbiertes Personal für Urlaubs- und Krankheitsvertretungen vermitteln. Eine zentrale Stelle zur Personalvermittlung existiert nicht.

Mindestöffnungszeiten

Die Kammern stimmen die Apothekenleiter bereits darauf ein, dass das Personal in allen Apotheken knapp werden wird – verschärfend zum bestehenden Personalmangel. Eine gewisse Erleichterung sollen die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestöffnungszeiten bringen, die von Bundesland zu Bundesland – je nach Allgemeinverfügung – variieren können. In der Regel müssen Apotheken von Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr (außer Mittwoch) geöffnet sein. Samstag darf in vielen Bundesländern geschlossen sein oder man kann sich befreien lassen. Die Mindestöffnungszeiten gelten natürlich nur für nicht-dienstbereite Apotheken.

Weiter geht die Bayerische Landesapothekerkammer und begrenzt die Nachmittagsöffnung vorübergehend auf 16 bis 18 Uhr. Maximal mögliche Öffnungszeiten sind werktags von 6 bis 22 Uhr sowie sonn- und feiertags 12 bis 18 Uhr. Dies solle eine größere zeitliche Flexibilität eröffnen. Ungewöhnliche Öffnungszeiten sind laut Landesapothekerkammer Thüringen auch im Freistaat im Rahmen des Ladenöffnungsgesetzes denkbar. Die Sächsische Landesapothekerkammer ist nach eigenen Angaben in Abstimmung mit dem Sozialministerium und verspricht »wirkliche Erleichterungen«.

Können Apotheken die Kernöffnungszeiten aufgrund von Personalmangel oder einer behördlich angeordneten Quarantäne nicht mehr realisieren, müssen sie sich umgehend an ihre Kammer wenden und eine Dienstbefreiung beantragen. Die Kammern wollen dann einzelfallbezogen und kurzfristig eine Lösung finden. Laut eines bestehenden, aber noch nicht aktualisierten Pandemie-Plans könnten 30 Schwerpunktapotheken die Versorgung im Stadtstaat Bremen übernehmen – falls »alle Stricke reißen«, teilt die dortige Apothekerkammer mit.

Problematisch wird es bundesweit dann, wenn Apotheken gänzlich ausfallen und für den apothekerlichen Notdienst nicht mehr zur Verfügung stehen.

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