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Neues Wirkprinzip

Wie Arzneidrogen den Blutdruck senken

Forscher der Universität Kalifornien, Irvine, haben einen Wirkmechanismus entdeckt, wie Lavendel, Fenchelsamen und Kamille den Blutdruck senken. Die Arzneidrogen aktivieren einen bestimmten Kaliumkanal, was eine Relaxation der Blutgefäße zur Folge hat. Der Kanal KCNQ5 könnte als neue Zielstruktur für Blutdrucksenker dienen. 
Theo Dingermann
14.10.2019
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Arzneidrogen wie Lavendel, Fenchelsamen und Kamille würde man nicht primär als Antihypertensiva klassifizieren. Aber ein kurzer Blick in diverse Monographien aus der Volksmedizin genügt, um für alle drei Drogen Hinweise auch einen traditionellen Einsatz als milde Blutdrucksenker zu finden. Der Wirkmechanismus war bislang unbekannt. Forscher um Rian M. Manviell von der University of Califonia, Irvine, haben ihn nun entschlüsselt und ihre Erkenntnisse im Fachjournal »PNAS« veröffentlicht.

In ihrer Studie zeigen die Wissenschaftler, dass viele der Arzneidrogen, die traditionell unter anderem zur Blutdrucksenkung eingesetzt werden, einen bestimmten Kaliumkanal in Blutgefäßen aktivieren. Der KCNQ5-Kanal wird zusammen mit anderen Kaliumkanälen, darunter KCNQ1 und KCNQ4, in den glatten Gefäßmuskeln exprimiert. Wird der KCNQ5-Kanal aktiviert, werden die Blutgefäße relaxiert, was eine Blutdrucksenkung zur Folge hat. Dieser vaskulär exprimierte KCNQ5-Kanal scheint tatsächlich sehr spezifisch von Inhaltsstoffen etlicher, nicht miteinander verwandter Arzneidrogen aktiviert zu werden. »Die KCNQ5-Aktivierung ist ein einheitlicher molekularer Mechanismus, der von einer Vielzahl von pflanzlichen blutdrucksenkenden Arzneimitteln gemeinsam genutzt wird«, sagte Professor Dr. Geoff Abbott, Seniorautor und Studienleiter, in einer Pressemitteilung der Universität. Am stärksten aktiviere Lavendel den Kanal, gefolgt von Fenchelsamen und Kamille. 

Diese Beobachtung ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Zum einen sind für die meisten Arzneidrogen kaum Inhaltsstoffe bekannt, die tatsächlich relevante und hochspezifische Interaktionen mit potenziellen pharmakologischen Targets eingehen. Zum anderen wird der Kanal tatsächlich auch nur von Inhaltsstoffen aus Drogen aktiviert, von denen eine blutdrucksenkende Eigenschaft beschrieben ist. Nicht blutdrucksenkende Pflanzenextrakte »sehen« den Kanal nicht. Drittens wird der KCNQ5-Kaliumkanal bisher noch nicht als Zielstruktur zur Blutdrucksenkung genutzt.

Die Wissenschaftler spekulieren, dass ihre Entdeckung botanischer KCNQ5-selektiver Kaliumkanalöffner künftig zielgerichtete Therapien für Krankheiten wie Bluthochdruck und KCNQ5-Funktionsverlust-Enzephalopathie möglich machen könnte.  Es wäre nicht das erste Mal, dass Naturstoffe als wichtige Ideengeber für neue Wirkstoffe an neuen pharmakologischen Targets fungieren.

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