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Frauengesundheit
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»Wenn man etwas bewegen will, dann jetzt«

Da die medizinische Forschung eher männerzentriert ist, sind auch Therapien, Dosierungen und medizinische Produkte auf Männer ausgerichtet. In Berlin diskutierten vier Frauen aus der Gesundheitsbranche darüber, woran das liegt und wie sich das ändern lässt.
AutorKontaktAlexandra Amanatidou
Datum 23.06.2026  15:25 Uhr

Die Teilnehmerinnen der Veranstaltung »Daten, Forschung, Fortschritt: Frauengesundheit im Fokus aktueller Digitalisierungsstrategien und Gesetze« sind sich einig: Für eine gendersensible Medizin sind mehr Daten notwendig. Damit ist der Einfluss von Geschlecht auf Gesundheit und Krankheit gemeint sowie der Versuch, geschlechtsbezogene Diskriminierung im Gesundheitssystem zu verringern.

Dennoch glaubt Claudia Schmidtke, Professorin für Herzchirurgie, dass Daten allein die Versorgung nicht verbessern können. Die Gesetzgeber müssten weiblicher werden. Denn laut Daten des Bundestags sind von den aktuellen 630 Mitgliedern nur 204 Frauen.

Die Professorin lobt hingegen das aktuelle Kabinett. Mit Nina Warken (CDU) als Gesundheitsministerin, Dorothee Bär (CSU) als Forschungsministerin und Karin Prien (CDU) als Bildungs- und Frauenministerin gebe es gleich »drei Ministerinnen auf Bundesebene, die sagen, dass Frauengesundheit ihr Thema ist«. Schmidtke, die selbst ehemalige CDU-Abgeordnete ist, mahnt jedoch gleichzeitig, dass diese Phase auch schnell vorbei sein könne. »Wir haben noch zwei Jahre, denn danach kommt die nächste Legislaturperiode«, sagt sie und fügt hinzu: »Wenn man etwas bewegen will, dann jetzt.«

»Systemische Antworten«

Gematik-Geschäftsführerin Brenya Adjei ist der Meinung, dass »systemische Antworten« nötig sind. Schon die Zusammensetzung der Entwicklungsteams im Techbereich, die überwiegend aus Männern bestehen, führe zu männlich geprägten Produkten. Dies belegen auch aktuelle Daten des Europäischen Statistischen Amtes Eurostat. Demnach sind Frauen in Deutschland mit einem Anteil von 29,6 Prozent im Bereich Forschung und Entwicklung deutlich unterrepräsentiert.

»Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern. Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen«, sagt Adjei. Hoffnung sieht sie jedoch in den Daten der elektronischen Patientenakte. Diese seien unvoreingenommen und könnten für die Forschung genutzt werden.

Tatsächlich gibt es einen Gender Data Gap. Klinische Studien wurden über einen langen Zeitraum hinweg überwiegend mit männlichen Probanden durchgeführt, auch im Labor wurde vorwiegend mit männlichen Versuchstieren und Zellkulturen geforscht. »Das führt zu Diagnoseverzögerungen und Forschungslücken, etwa bei Demenz oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen«, argumentiert Susanne Schlagl, Medizin-Informatikerin und Geschäftsführerin des Technikherstellers GE HealthCare.

Laut Herzchirurgin Schmidtke richtet sich die Dosierung von Medikamenten an Männern, somit würden Frauen eine höhere Dosis nehmen. »Wenn die Dosis bei Frauen höher ist, können auch die Nebenwirkungen höher sein«, sagt sie.

Schweden sei bei dem Thema ein gutes Vorbild. Die Region Stockholm hat gemeinsam mit dem Karolinska-Institut und der Karolinska-Universitätsklinik die Wissensdatenbank »Janusmed Sex and Gender« ins Leben gerufen. Sie richtet sich an medizinisches Fachpersonal und informiert darüber, ob das Geschlecht der Patientin oder des Patienten einen Einfluss auf die Wahl des Medikaments und dessen Dosierung hat.

Die richtigen Daten abfragen

Es gibt viele Initiativen – sowohl auf europäischer Ebene als auch bundesweit –, die versuchen, die Datensammlung und Datenverarbeitung im Gesundheitsbereich zu vereinfachen. Beispiele hierfür sind der European Health Data Space, das Gesundheitsdatennutzungsgesetz und das Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen.

Laut Schmidtke ist auch der Datenschutz nicht mehr so »extrem«, wie er früher war. »Wir gehen vom Datenschutz zum Datennutz.« Die Herzchirurgin warnt jedoch, dass mehr Daten aus Forschungszentren allein nicht ausreichen. Ein zentrales Problem sei nämlich, dass die Ärzteschaft die wichtigen Fragen nicht stelle. Als Beispiel nennt sie Kreislauferkrankungen bei Frauen in den Wechseljahren. Dieser Zusammenhang werde während des Arztbesuchs nicht thematisiert. »Wir philosophieren auf hohem Niveau, aber wenn die Basis die Fragen nicht stellt, dann bringen die Daten nichts.«

Schlagl sieht das anders: »Wir brauchen reale Versorgungsdaten. Das sind vielleicht nicht immer die Daten, die uns weiterbringen, aber das ist ein Anfang. Vielleicht können wir dann darauf aufbauen.«

Anne Feldt, Gründerin der App »hermaid« für die Wechseljahre, weist darauf hin, dass eine Vielzahl von Daten verfügbar ist. Diese seien beispielsweise in Wearables wie Fitness-Armbändern oder Smartwatches enthalten und könnten die Herzfrequenz oder die Körpertemperatur erfassen. Ein Problem für die Unternehmerin ist jedoch, dass digitale Produkte, die einen Mehrwert für Nutzerinnen bieten, nicht immer von den Krankenkassen erstattet werden.

Gender Data Gap auch bei KI-Modellen

Doch Daten spielen auch bei der Anwendung von KI eine große Rolle. Laut der Medizin-Informatikerin Schlagl ist diese bereits bei der Produktentwicklung angekommen. Sie warnt vor verzerrten Daten bei den KI-Modellen und betont, wie wichtig es ist, dass auch Frauen und ihre Bedürfnisse abgebildet werden. Wie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schreibt, ist Bias eine tiefgreifende Problematik für KI-Systeme.

»Datensammlungen beinhalten immer menschlichen Einfluss und sind gefärbt durch zahlreiche technische, wirtschaftliche, rechtliche und soziale Entscheidungen«, so das BSI. »Deshalb ist es extrem wichtig, diverse Daten zu haben«, sagt SchlaglSchmidtke, Professorin für Herzchirurgie, nennt ein Beispiel. Laut der Expertin erkennt die KI einen Herzinfarkt bei Frauen nicht, da die gleichen Angaben bei Männern nicht darauf hindeuten würden.

Künftig soll KI auch in der ePA eine Rolle spielen. So sollen sich Patientinnen und Patienten mithilfe von KI im Vorfeld über Erkrankungen informieren und anschließend mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt darüber sprechen. Die Ärzteschaft soll dabei die gleichen Informationen sehen können, um nachvollziehen zu können, worauf sich die Patientinnen und Patienten stützen. »Dann können sie auf der gleichen Ebene diskutieren«, sagt Adjei.

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