Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Aphantasie
-
Wenn der Kopf keine Bilder erzeugt

Womöglich spielen mentale Bilder für das Denken eine weniger zentrale Rolle als gedacht, meinen Forschende. Denn Aphantasiker, bei denen keine Bilder vor dem geistigen Auge entstehen, können ebenso abstrakt denken. Die Debatte bewegt in vielerlei Hinsicht nicht nur die Philosophiegeschichte, sondern auch die Kognitionswissenschaft.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 28.07.2026  09:00 Uhr

Genetische Komponente

Wie der Neurologe Professor Dr. Adam Zeman von der englischen Universität Exeter in dem »Nature«-Feature beschreibt, scheint Aphantasie jedenfalls keine großen Auswirkungen auf das Verhalten der betroffenen Menschen zu haben. Und obwohl ihre Kreativität davon beeinflusst sein könnte, schließt es sie keineswegs aus, betonte er. Demnach könnte das Phänomen bei Personen in wissenschaftlichen und technischen Berufen häufiger vorkommen als bei jenen, die im künstlerischen Bereich tätig sind.

Außerdem erinnerten sich Aphantasiker weniger lebhaft an Details aus ihrer Vergangenheit. Andere wiederum träumten aber sogar in Bildern, so Zeman. Anstatt von einer Störung oder einem Zustand zu sprechen, will er die fehlende Vorstellungskraft lieber als »faszinierende Variation« auf einer Skala der mentalen Vorstellungskraft bezeichnen.

Forschende konnten dem »Nature«-Beitrag zufolge feststellen, dass Aphantasie offenbar eine genetische Komponente hat. Die Wahrscheinlichkeit, davon betroffen zu sein, verzehnfache sich, wenn man ein Geschwisterkind mit einem schwach ausgeprägten oder fehlenden »inneren Auge« habe, heißt es. Zudem deuten Gehirnstudien darauf hin, dass dem Phänomen eine fehlende Kommunikation zwischen unterschiedlichen Gehirnregionen zugrunde liegen könnte.

Relevanz für Schizophrenie und Alzheimer

Zeman hebt darüber hinaus die Relevanz der Aphantasie-Forschung hervor. Die Wissenschaft interessiere beispielsweise, inwiefern lebhafte mentale Bilder mit Halluzinationen bei Schizophrenie, einer Parkinson-Erkrankung oder mit visuellen Flashbacks bei posttraumatischen Belastungsstörungen zusammenhängen könnten. In diesen und anderen psychischen Kontexten könnte Aphantasie eine schützende Wirkung haben, so Zeman.

Auch für das Verständnis und die Behandlung von Alzheimer sei es interessant, dass unser Gedächtnis offenbar über mehrere Komponenten verfügt – objektive, räumliche, semantische. Da bei Alzheimer verschiedene Gedächtnisformen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten nachließen, könnten diese Erkenntnisse eine Orientierung darstellen, so der Neurologe.

Die Debatte bewegt eindeutig nicht nur die Philosophiegeschichte, sondern auch die Kognitionswissenschaft. Wer also verstehen will, wie Menschen denken, muss über bildhafte Erklärungen hinausgehen und erforschen, welche anderen Möglichkeiten der Geist besitzt, die Welt zu strukturieren und über sie nachzudenken.

Mehr von Avoxa