| Annette Rößler |
| 13.10.2026 14:30 Uhr |
Wer nachts nicht schlafen kann, ist tagsüber müde. Eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit am Tag zählt daher zu den Kriterien für eine Insomnie. / © Getty Images/Johner Images
Eine Insomnie ist eine sehr häufige Schlafstörung, bei der Betroffene über einen Zeitraum von mindestens einem Monat an Ein- und/oder Durchschlafstörungen oder frühmorgendlichem Erwachen leiden, wodurch ihre Leistungsfähigkeit oder ihr Wohlbefinden am Tag beeinträchtigt sind. Die aktuelle S3-Leitlinie empfiehlt für Erwachsene mit Insomnie als erste Behandlungsoption die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und erst in zweiter Linie Medikamente. Kurzfristig können demnach Benzodiazepine oder Z-Substanzen eingesetzt werden, mittelfristig sedierende Antidepressiva wie Doxepin und Trazodon (off Label) oder auch Orexin-Rezeptorantagonisten wie Daridorexant (Quviviq™).
Medizinisches Cannabis nennt die Leitlinie unter der Rubrik »andere Therapieoptionen, die in Zukunft stärker untersucht werden könnten, da ihnen momentan noch eine solide empirische Basis fehlt«. Diese Einschätzung wird durch einen aktuellen Cochrane-Review untermauert, den Forschende um Dr. Lucia Varela von der University of Manitoba in Kanada vorgelegt haben.
Eingeschlossen waren neun Studien mit insgesamt 537 Teilnehmenden im Alter zwischen 18 und 76 Jahren. Sie litten mehrheitlich an primärer Insomnie, die also nicht auf eine andere Grunderkrankung zurückzuführen war. In acht Studien wurde medizinisches Cannabis mit Placebo verglichen, in einer mit dem Antidepressivum Amitriptylin. Sieben Studien setzten Cannabis als Rezepturarzneimittel ein, zwei verwendeten zugelassene Arzneimittel mit Cannabinoiden.
Die gepoolte Auswertung bezog sich auf die placebokontrollierten Studien und ließ den Cannabis-Amitriptylin-Vergleich (32 Teilnehmende) außen vor. Insgesamt führte die Anwendung von Cannabis verglichen mit Placebo nicht zu einer klinisch bedeutsamen Verbesserung der Schlafqualität und der Zufriedenheit der Anwender mit dem Schlaf, einer Verlängerung der Schlafdauer oder der Leistungsfähigkeit am Tag. Nebenwirkungen wie ein trockener Mund und Schwindel waren bei Cannabis-Anwendern wesentlich häufiger als in den Placebogruppen. Cannabis als Schlafmittel verbesserte die Lebensqualität geringfügig, wobei dieses Teilergebnis nur sehr wenig belastbar war.
Dies galt allerdings für die gesamte hier betrachtete Evidenz, deren Qualität die Autoren als »sehr gering« einstufen. Als Gründe hierfür führen sie Verzerrungsrisiken der eingeschlossenen Studien, widersprüchliche Ergebnisse und kleine Stichprobengrößen an. Auch seien die Ergebnisse nicht repräsentativ gewesen, da die Probanden größtenteils weiblich (73 Prozent) und vergleichsweise jung waren.
»Die Evidenz ist zu schwach und zu unsicher, um daraus tragfähige Schlussfolgerungen zum Einsatz von medizinischem Cannabis bei Insomnie abzuleiten«, fasst Seniorautor Dr. Luis Garegnani vom Universidad Hospital Italiano de Buenos Aires in Argentinien zusammen. Ärzte und Patienten sollten dies weder als Argument für noch gegen Medizinalcannabis auffassen. Stattdessen sollten sie die Unsicherheit anerkennen und individuelle Aspekte berücksichtigen, bis die Datenlage sich gebessert hat.