| Laura Rudolph |
| 26.01.2026 12:00 Uhr |
Bei einer Neuropathie generiert der Körper Schmerzsignale, ohne dass ein tatsächlicher Schmerzreiz vorliegt. / © Adobe Stock/solvod
Neuropathische Schmerzen entstehen infolge einer Schädigung oder Erkrankung somatosensorischer Nerven im peripheren oder zentralen Nervensystem. In Deutschland liegt die Prävalenz bei rund 7 bis 10 Prozent. Häufige Auslöser sind unter anderem eine Post-Zoster-Neuralgie nach Gürtelrose, Polyneuropathien bei Diabetes mellitus sowie Zytostatika-induzierte Neuropathien.
Beim Pharmacon in Schladming referierte Dr. Achim Schmidtko, Professor für Pharmakologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, über bewährte und weniger wirksame Methoden zur Linderung neuropathischer Schmerzen.
Professor Dr. Achim Schmidtko / © PZ/Alois Müller
Der Referent warf gemeinsam mit dem Auditorium einen Blick auf die Ergebnisse einer Übersichtsarbeit mit Metaanalyse, die im vergangenen Jahr im Fachjournal »The Lancet Neurology« erschienen ist.
Die Analyse umfasste 313 randomisierte, placebokontrollierte Studien mit mehr als 48.000 Teilnehmern mit neuropathischen Schmerzen. Die Patienten in den Verumgruppen erhielten mindestens drei Wochen lang eine pharmakologische oder neuromodulatorische Behandlung, darunter:
Primäre Endpunkte waren die Wirksamkeit der Interventionen, gemessen am Anteil der Personen mit moderater Schmerzreduktion, sowie die Sicherheit, bewertet anhand der Nebenwirkungsraten.
Am besten wirksam zeigten sich trizyklische Antidepressiva (TZA), Gabapentinoide und SNRI, jeweils bei moderater Evidenzqualität. Sie bilden nach dieser Metaanalyse die Mittel der ersten Wahl. »Allerdings war die Number Needed to Treat hoch«, betonte Schmidtko. Die Number Needed to Treat (NNT) gibt an, wie viele Patienten behandelt werden müssen, um das gewünschte Therapieziel zu erreichen. Bei den TZA lag sie bei 4,6, bei den Gabapentinoiden bei 8,9 und bei den SNRI bei 7,4.
Schwächer fiel die Empfehlung für capsaicinhaltige Pflaster und Cremes sowie für Lidocain-Pflaster aus. Diese bilden bei niedriger bis sehr niedriger Evidenzqualität die Mittel der zweiten Wahl. Zur dritten Wahl zählen Botulinumtoxin Typ A, Opioide und die Magnetstimulation.
Gabapentin und Pregabalin sind α2δ-Liganden, die spezifisch an die gleichnamige Untereinheit von spannungsabhängigen Calciumkanälen binden. Dadurch wird die Glutamat- und Calciumfreisetzung im zentralen Nervensystem reduziert, was zu antikonvulsiven, schmerzstillenden und angstlösenden Effekten führt.
»Nach einer Nervenverletzung wird die α2δ-Untereinheit von N-Typ-Calciumkanälen stark hochreguliert, daher helfen Gabapentinoide so gut«, erklärte der Pharmakologe. Dabei sei Pregabalin aufgrund seiner konstanten Bioverfügbarkeit von etwa 90 Prozent und seiner höheren Affinität zum Target vorzuziehen. Dagegen ist die Resorption von Gabapentin sättigbar, sodass die Bioverfügbarkeit abhängig von der Dosis zwischen 30 und 80 Prozent variieren kann. Außerdem sei es etwas schlechter verträglich als Pregabalin.
Allerdings werde Pregabalin zunehmend missbräuchlich konsumiert. In England und Wales steige die Zahl der Todesfälle, vor allem durch Mischkonsum mit Opioiden, weshalb dort eine BtM-Pflicht diskutiert wird.