| Theo Dingermann |
| 06.10.2026 13:30 Uhr |
Hinzu kommen neue epidemiologische Herausforderungen. Ausgerechnet bei den 18- bis 49-Jährigen steigt die Krebsinzidenz; diese Altersgruppe verzeichnete zwischen 1995 und 2021 als einzige einen anhaltenden Anstieg der Gesamtinzidenz. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Frauen. Beim früh auftretenden kolorektalen Karzinom nahm zudem die Mortalität seit 2004 um etwa 1 Prozent pro Jahr zu; inzwischen ist Darmkrebs in den USA die führende Krebstodesursache dieser Altersgruppe.
Die vielleicht wichtigste Botschaft der beiden Beiträge lautet deshalb: Der Erfolg der vergangenen 50 Jahre beruht nicht auf einem einzelnen Durchbruch. Er ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus Prävention, Tabakkontrolle, Impfungen, Screening und früher Diagnostik, molekularer Tumorcharakterisierung, Chirurgie und Strahlentherapie sowie immer präziseren Arzneimitteln und Immuntherapien.
Rund 40 Prozent der US-Krebsfälle werden weiterhin modifizierbaren Risikofaktoren zugeschrieben – allen voran Rauchen, Übergewicht und Alkoholkonsum. Damit bleibt Prävention neben Präzisionsonkologie und Immuntherapie eine der wirksamsten Strategien gegen Krebs.
Gleichzeitig verschiebt sich die Grenze des Machbaren weiter. Flüssigbiopsien sollen Tumoren früher erkennen und Therapie sowie Rezidivkontrolle verbessern. KI wird bereits für Bildgebung, Pathologie und genomische Analysen eingesetzt. Neue KRAS-Inhibitoren, gezielter Proteinabbau, personalisierte Krebsimpfstoffe und programmierbare RNA-Arzneimittel könnten die nächste Phase der Präzisionsonkologie bestimmen.
Zusammengenommen fällt die Bilanz nach einem halben Jahrhundert bemerkenswert positiv, aber keineswegs triumphal aus. Aus zahlreichen früher rasch tödlich verlaufenden Tumorerkrankungen sind behandelbare oder zumindest länger kontrollierbare Erkrankungen geworden. Für andere Tumoren, darunter insbesondere Pankreas- und bestimmte Hirntumoren, steht ein vergleichbarer Durchbruch allerdings weiterhin aus.