| Daniela Hüttemann |
| 06.02.2026 18:00 Uhr |
Die Grenzen der Selbstmedikation sind bei Fußpilz schnell erreicht: Sobald die Infektion sich nicht nur zwischen den Zehen, sondern auch an anderen Stellen des Fußes bemerkbar macht. / © Getty Images/Olga Pankova
»Heute hatte ich zwei Patienten mit Fußpilz, eine Frau mit Vaginalmykose und die Mutter eines Babys mit Windelsoor« – mehr brauchte Apotheker Daniel Finke, Osnabrück, gar nicht zur Häufigkeit und Relevanz von Pilzinfektionen im Alltag sagen. Ein Pseudo Customer sei nicht darunter gewesen, wobei das in diesem Jahr gar nicht so unwahrscheinlich ist. Bundesweit sind die fachlich versierten »Scheinkäufer« zu diesem Thema im Einsatz, weshalb nun viele Apothekerkammern entsprechende Fortbildungen anbieten. So war diese Woche auch ein Webinar der Apothekerkammer Hamburg zu dem Thema mit mehr als 200 Teilnehmenden gut besucht.
»Pilzinfektionen sind nicht nur ein kosmetisches Problem, sie sind stets ein medizinisches Problem«, konstatierte Finke. Mykosen haben keine Selbstheilungstendenz. Daher müssen sie immer behandelt werden, damit es nicht noch schlimmer wird. Auch empfiehlt es sich, damit möglichst früh anzufangen. Das geht aber nicht in allen Fällen in der Selbstmedikation. Deren Grenzen sind in jedem OTC-Beratungsgespräch zu prüfen.
Referent Finke hatte für verschiedene Mykosen Fallbeispiele dabei, wie ein typisches Beratungsgespräch aussehen kann und bei welchen Aussagen oder Fragen des Kunden das Apothekenteam hellhörig werden sollte.
Grundsätzlich gilt, immer erst abzuklären, ob es um den Kunden selbst oder vielleicht einen Angehörigen geht. Bei allen Pilzinfektionen ist zudem die Frage wichtig: »Hatten Sie das schon einmal oder waren Sie damit schon einmal beim Arzt?« Denn eine erstmals auftretende Mykose sollte immer von einem Arzt angeschaut werden, auch um mögliche andere Erkrankungen auszuschließen – bei einem Baby mit ausgeprägter Windeldermatitis zum Beispiel in Abgrenzung zu einer atopischen Dermatitis oder Psoriasis. Dazu ist in der Regel ein Hausarztbesuch ausreichend.
Typische Symptome einer topischen Mykose sind Juckreiz, Rötungen, Bläschenbildung, Schuppung und Rhagadenbildung. Prädisponierende Faktoren sind unter anderem Diabetes, Adipositas, periphere Neuropathien, Durchblutungsstörungen, Krebs, Hauterkrankungen, Infektionen und Immundefekte. Diese Grunderkrankungen können mitunter auch als »Kontraindikation« für eine Selbstbehandlung gelten. Arzneimittel können ebenfalls Risikofaktoren für eine Mykose sein, vor allem Antibiotika, Glucocorticoide, Zytostatika und Immunsuppressiva.
Auch bei rezidivierenden Beschwerden sind die Grenzen der Selbstmedikation erreicht, zum Beispiel bei mehr als vier Vaginalmykosen pro Jahr. Allerdings kann es bei Patienten mit immer wiederkehrenden Pilzinfektionen sein, dass mit dem Arzt eine Selbstbehandlung im Fall eines Rezidivs besprochen wurde.
Außerdem sollte man sich Ausmaß, Dauer und Symptome schildern lassen. Auch danach richtet sich, ob die Pilzinfektion in Eigenregie behandelbar ist. Fußpilz äußert sich zum Beispiel anfangs typischerweise interdigital zwischen dem dritten und vierten oder zwischen dem vierten und fünften Zeh. Sobald der Pilz an anderen Stellen des Fußes auftritt, reicht eine topische Therapie allein meist nicht mehr aus. Ähnliches gilt bei Nagelpilz: Sind mehr als drei Nägel oder auch nur bei einem die Nagelmatrix oder mehr als 50 Prozent des Nagels betroffen, ist dies eine Sache für den Arzt.
Eine topische Therapie kann dann zwar zur Überbrückung bis zum Arzttermin mitgegeben werden. Dem Patient muss jedoch verdeutlich werden, dass er die Mykose allein nicht in den Griff bekommen kann, sondern eine systemische Therapie braucht.
Es gibt auch Mykosen, die grundsätzlich in ärztliche Behandlung gehören: Infektionen auf der freien Haut (Tinea corporis) oder an der Kopfhaut (Tinea capitis). Letztere häuften sich zuletzt aufgrund sogenannter »Barbershop-Infektionen«. Hier sei übrigens kein einziges Antimykotikum für die Selbstmedikation zugelassen, erklärte Finke.
| Pilzerkrankung | Grenzen der Selbstmedikation |
|---|---|
| Fußpilz | ausgedehnte Läsionen und Befall der Nägel, Fußkanten, Fußsohle, Hände |
| rezidivierende Beschwerden | |
| trockene Schuppung der Haut, besonders der Fußsohle | |
| Schmerzen | |
| Verdacht auf Dermatose | |
| Grunderkrankungen (Diabetes, HIV, venöse Insuffizienz) | |
| Schwangerschaft | |
| Patienten unter 18 Jahren | |
| Wunden, die bakteriell infiziert sein könnten | |
| Nagelpilz | wenn die Diagnose noch nicht ärztlich gesichert ist |
| wenn mehr als 50 Prozent eines Nagels betroffen sind und noch keine ärztlich verordnete Therapie erfolgt | |
| wenn mehr als drei Nägel betroffen sind und noch keine ärztlich verordnete Therapie erfolgt | |
| wenn die Nagelmatrix betroffen ist und noch keine ärztlich verordnete Therapie erfolgt | |
| Kopfhautpilz (Tinea capitis) | Grundsätzlich kein Fall für die Selbstmedikation. |
| Es gibt kein für Selbstmedikation zugelassenes Präparat in dieser Indikation für eine Überbrückung bis zum Arzttermin. | |
| Es ist eine systemische Therapie erforderlich (topisch nur unterstützend). | |
| Hautpilz (Tinea corporis) | Grundsätzlich kein Fall für die Selbstmedikation. |
| Schwer von anderen Hauterkrankungen zu unterscheiden – hier ist eine Differentialdiagnose nötig. | |
| Es ist eine systemische Therapie erforderlich (topisch nur unterstützend). | |
| Vaginalpilz | Erstinfektion |
| Patientin unter 18 Jahren | |
| Schwangerschaft | |
| Begleiterscheinungen wie übel riechender Ausfluss, Unterleibsschmerzen, Schmerzen beim Wasserlassen, Blutungen | |
| chronisch-redivierend (häufiger als viermal im Jahr) | |
| Windeldermatitis (Windelsoor) | Erstinfektion |
| Begleiterscheinungen wie Fieber, Durchfall oder Ausdehnung des Ausschlags auf andere Hautareale | |
| ausgedehnte Hautläsionen, Blutungen | |
| Verdacht auf bakterielle Superinfektion | |
| Verdacht auf Neurodermitis oder Schuppenflechte (trockene Schuppung) | |
| ständige Rezidive, ausgedehnte Windeldermatitiden | |
| Mundsoor | erstmaliges Auftreten |
| chronisch oder rezidivierend | |
| bei Schluckstörungen und Appetitlosigkeit | |
| bei prädisponierenden Grunderkrankungen (Krebspatienten!) | |
| wenn Arzneimittel angewendet werden, die Candidosen begünstigen (falls es inhalative Glucocorticosteroide sind, korrekte Anwendung des Inhalators im Rahmen der pDL überprüfen) | |
| Schwangere | |
| Kinder |
Die Auswahl des geeigneten Wirkstoffs und der Formulierung richtet sich nach der Art der Mykose und den entsprechenden Leitlinienempfehlungen, aber auch nach den Vorlieben, motorisch-kognitiven Fähigkeiten und Preisvorstellungen des Patienten. Immer ist die genaue Anwendung zu erklären und die Bedeutung der konsequenten Durchführung der Therapie zu betonen, um die Adhärenz zu gewährleisten. Der Patient muss dazu nicht nur das Wie, sondern auch das Wie lange wissen.
Während ein einfacher Fußpilz beispielsweise mit dem Terbinafin-haltigen Präparat Lamisil® Once aufgrund der besonderen Anwendung wirklich nur einmal behandelt werden sollte, muss Cotrimoxazol-Creme mindestens drei Wochen lang und zwei- bis dreimal täglich aufgetragen werden. Die Behandlung von Nagelpilz dauert sogar Monate.
Bei Gelen, die bei Mundsoor eingesetzt werden, kann ein wesentlicher Wirkstoffanteil geschluckt werden. Hier ist auch auf Interaktionen mit anderen Medikamenten zu achten. Gleiches gilt, wenn ein systemisches Antipilzmittel verordnet wurde. Gerade bei den Azolen sind zahlreiche Wechselwirkungen möglich.
Last but not least sollte man dem Patienten unterstützende Maßnahmen und Tipps geben, zum Beispiel keine gemeinsamen Handtücher zu benutzen und diese möglichst heiß zu waschen (bei 60 Grad und niedriger mit Wäschezusatz).
Finaler Hinweis in jeder Selbstmedikation: Falls sich die Beschwerden nicht innerhalb einer gewissen Frist deutlich bessern (bei Fußpilz innerhalb einer Woche, bei Vaginalpilz nach drei Tagen), steht ebenfalls ein Gang zum Arzt an.