Jedes Implantat birgt das Risiko einer Fremdkörperinfektion. Präventiv erhalten Patienten postoperativ meist Antibiotika. Kürzere Gaben scheinen dabei einer längeren Antibiose nicht unterlegen zu sein. / © Getty Images/Coolpicture
Operationen, bei denen Fremdmaterial eingesetzt wird, beispielsweise Brustimplantate, bergen ein erhöhtes Risiko für postoperative Wundinfektionen. Daher werden in der klinischen Praxis vermehrt deutlich längere Antibiotika-Dosisregime appliziert. Im Brustzentrum der Evangelischen Kliniken Essen-Mitte (KEM) hat ein interdisziplinäres Team aus Ärzten und einer Stationsapothekerin die Wundinfektionsraten untersucht.
Seit 2024 betreut eine Stationsapothekerin die senologischen Patientinnen. Bei der Arzneimittelanamnese fiel auf, dass nach dem Einsatz von Brustimplantaten häufig für drei Tage Cefazolin 2 g alle acht Stunden intravenös appliziert wurde, auch ohne vorliegende Infektion, um eine postoperative Wundinfektion zu verhindern.
Im Rahmen der Operation können Bakterien, beispielsweise Hautkeime, in die Wunde gelangen. Wenn diese sich auf dem Implantat zusammenlagern, entsteht ein Biofilm, also eine Bakterienkolonie, die mit einer schützenden Schleimschicht überzogen ist. Da das Implantat nicht durchblutet wird, ist es schwierig, diese Bakterien mit einem Antibiotikum zu erreichen. Eine verlängerte prophylaktische Antibiotikagabe könne diesen Prozess unterdrücken – so die Annahme.
Im Rahmen der Untersuchung wurden zwei Zwölf-Monats-Zeiträume miteinander verglichen und die entsprechenden Infektionsraten ausgewertet. Im Zeitraum A (November 2023 bis Oktober 2024) erhielten Patientinnen postoperativ über 72 Stunden Cefazolin intravenös (bei Penicillinallergie Clindamycin). Im Zeitraum B (November 2024 bis Oktober 2025) wurde das postoperative Antibiotika-Regime auf 24 Stunden verkürzt.
Die kürzere Behandlungsdauer ging nicht mit mehr postoperativen Wundinfektionen einher. Somit wurde der hausinterne Standard geändert und für alle Patientinnen nach Brustimplantat-Operationen die Antibiotikagaben reduziert. Dieses Vorgehen entspricht den Empfehlungen der S3-Leitlinie »Perioperative und Periinterventionelle Antibiotikaprophylaxe«, die im September 2024 veröffentlicht wurde.
Um Antibiotika-assoziierte Nebenwirkungen und eine Resistenzentwicklung zu vermeiden, ist es essenziell, die optimale Dauer der antiinfektiven Therapie zu kennen und immer wieder zu hinterfragen. Nur wenn Antibiotika langfristig gezielt eingesetzt werden, können sie effektiv wirken. Dies ist auch deshalb wichtig, weil nur eine limitierte Anzahl von Antibiotika neu entwickelt wird. Zusätzlich sorgen Lieferengpässe dafür, dass ein umsichtiger, kontrollierter und angemessener Umgang mit Antibiotika in allen Bereichen der Medizin notwendig ist.
Um stationäre Antibiotikatherapien zu verbessern, werden Antibiotic-Stewardship-(ABS-)Teams eingesetzt. Ziel ist es, sowohl durch lokale als auch durch krankenhausübergreifende Projekte und Maßnahmen wie ABS-Visiten, Auswertungen von Resistenzentwicklungen sowie Fort- und Weiterbildungsangeboten das Verordnungsverhalten langfristig zu optimieren. Apotheker sind Teil des ABS-Teams und bringen einen entscheidenden Mehrwert in den genannten Projekten.
Auch in öffentlichen Apotheken können Apotheker für einen rationalen Antiinfektiva-Verbrauch sorgen. Die Annahme, dass orale Antibiotika bis zum Ende der Packung eingenommen werden müssen, gilt heute als überholt. Apotheker können bei der Abgabe des Arzneimittels die Patienten gezielt aufklären und auf geeignete Therapiedauern hinweisen.