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Medizin-Nobelpreis

Väter der Checkpoint-Inhibitoren geehrt

Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an den US-Amerikaner James Allison und den Japaner Tasuku Honjo für die Entwicklung spezieller Krebstherapien. Das teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit.
Christina Hohmann-Jeddi
01.10.2018
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Die Forschungsergebnisse der beiden Immunologen seien ein Meilenstein im Kampf gegen Krebs, hieß es von der Nobelpreis-Jury. Die Entdeckung der beiden Mediziner nutze die Fähigkeit des Immunsystems, Krebszellen zu bekämpfen, indem die Bremsen der Immunzellen gelöst werden. Die Therapie mit den sogenannten Checkpoint-Inhibitoren habe die Behandlung von Krebs revolutioniert, twitterte das Nobelpreis-Komitee.

In den 1990er-Jahren arbeitete James Allison an der University of California in Berkeley an T-Zellen. Er entdeckte, dass das T-Zell-Oberflächenprotein CTLA-4 (Cytotoxic T-Lymphocyte-Associated Protein 4) als Bremse für T-Zellen fungiert.  Andere Forschungsgruppen nutzten diese Erkenntnis, um einen Ansatz zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen zu entwickeln.

Allison hatte ein anderes Ziel: Er wollte die Bremse lösen und dadurch das Immunsystem aktivieren, um gegen Tumorzellen vorgehen zu können. Er hatte bereits einen Antikörper entwickelt, der CTLA-4 blockiert. Erste Tierversuche mit dem Antikörper im Jahr 1994 lieferten spektakuläre Ergebnisse: Die Therapie konnte Mäuse von ihrer Krebserkrankung heilen. Trotz geringen Interesses vonseiten der Pharmaindustrie arbeitete Allison weiter an dieser Therapieoption. Ergebnisse erster klinischer Versuche führten dazu, dass das Wirkprinzip doch schließlich die Patienten erreichte. Als erster Vertreter dieser Klasse kam der gegen CTLA-4 gerichtete Antikörper Ipilimumab (Yervoy® von Bristol-Myers-Squibb) 2011 auf den europäischen  Markt. 

1992 entdeckte der japanische Immunologe Tasuku Honjo von der Universität Kyoto ein weiteres Oberflächenprotein von T-Zellen, das PD-1-Protein (Programmed Cell Death 1), das ebenfalls als Bremse funktioniert, allerdings über einen anderen Mechanismus als CTLA-4. Auch Honjo konnte zeigen, dass die Blockade dieses Proteins zur Bekämpfung von Krebs genutzt werden kann.  In klinischen Untersuchungen zeigten Antikörper gegen PD-1 dramatische Ergebnisse. Zum Teil konnten Patienten mit metastasierten Krebsformen geheilt werden, was zuvor als unmöglich galt. 

Die ersten zugelassenen PD-1-Inhibitoren waren Nivolumab (Opdivo®) und Pembrolizumab (Keytruda®), die 2015 in der EU auf den Markt kamen. Es folgten auch Antikörper gegen den Liganden von PD-1 (PD-L1), nämlich Avelumab (Bavencio®) und Atezolizumab (Tecentriq®). 

Die Immuntherapie mit diesen Checkpoint-Inhibitoren habe das Behandlungsergebnis von Krebspatienten gerade mit metastasierten Formen fundamental geändert, schreibt das Nobel-Komitee in einer Mitteilung. Von den zwei Therapiestrategien habe sich die gegen PD-1 gerichtete als effektiver erwiesen. Neue klinische Studien deuten aber darauf hin, dass die Kombination aus beiden Strategien noch effektiver ist als eine allein.

Eine ganze Reihe von klinischen Untersuchungen sei noch auf dem Weg und weitere Proteine würden als mögliche Targets geprüft. Für mehr als 100 Jahre hätten Forscher versucht, das Immunsystem in den Kampf gegen Krebs einzubeziehen – mit mäßigem Erfolg. Erst die Entdeckungen der beiden Preisträger hätten dies möglich gemacht, schreibt das Nobel-Komitee. 

Am Dienstag und Mittwoch werden die Jurys die Preisträger für Physik und Chemie bekanntgeben. Am Freitag wird der Friedensnobelpreisträger in Oslo gekürt. Am Montag darauf (8.10.) ist dann der Preis für Wirtschaft an der Reihe. Die Vergabe des Literatur-Nobelpreises ist für dieses Jahr nach einem Belästigungs- und Korruptionsskandal abgesagt worden.

Die Medizin-Nobelpreisträger der vergangenen zehn Jahre

dpa / Der Medizin-Nobelpreis wird seit 1901 verliehen. Die erste Auszeichnung ging damals an den deutschen Bakteriologen Emil Adolf von Behring für die Entdeckung der Serumtherapie gegen Diphtherie. Die Preisträger der vergangenen zehn Jahre waren:

2017: Die US-Forscher Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael Young für die Erforschung der Inneren Uhr.

2016: Der Japaner Yoshinori Ohsumi, der das lebenswichtige Recycling-System in Körperzellen entschlüsselt hat.

2015: Die Chinesin Youyou Tu, die den Malaria-Wirkstoffs Artemisinin entdeckt hat. Sie teilte sich den Preis mit dem gebürtigen Iren William C. Campbell und dem Japaner Satoshi Omura, die an der Bekämpfung weiterer Parasiten gearbeitet hatten.

2014: Das norwegische Ehepaar May-Britt und Edvard Moser sowie John O'Keefe (USA/Großbritannien) für die Entdeckung eines Navis im Hirn: Sie fanden grundlegende Strukturen unseres Orientierungssinns.

2013: Thomas Südhof (gebürtig in Deutschland) sowie James Rothman (USA) und Randy Schekman (USA) für die Entdeckung von wesentlichen Transportmechanismen in Zellen.

2012: Der Brite John Gurdon und der Japaner Shinya Yamanaka für die Rückprogrammierung erwachsener Körperzellen in den embryonalen Zustand.

2011: Bruce Beutler (USA) und Jules Hoffmann (Frankreich) für Arbeiten zur Alarmierung des angeborenen Abwehrsystems. Ralph Steinman aus Kanada entdeckte Zellen, die das erworbene Immunsystem aktivieren. Er war kurz vor der Verkündung gestorben und bekam den Preis posthum.

2010: Der Brite Robert Edwards für die Entwicklung der Reagenzglas-Befruchtung.

2009: Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak (alle USA) für die Erforschung der Zellalterung.

2008: Harald zur Hausen (Deutschland) für die Entdeckung der Papilloma-Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen, sowie die Franzosen Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier für die Entdeckung des Aidserregers HIV.

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