Die Analyse der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass die Hausärzte fast zwei Drittel ihrer Zeit einsparen könnten, indem sie bestimmte Tätigkeiten auf qualifiziertes Fachpersonal übertragen. / © Adobe Stock/contrastwerkstatt
Die Analyse der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass die Hausärzte fast zwei Drittel ihrer Zeit einsparen könnten, indem sie bestimmte Tätigkeiten auf qualifiziertes Fachpersonal übertragen. Für die Studie wurden Daten aus zwei größeren, bereits stark im Team mit anderen Berufsgruppen arbeitenden Hausarztpraxen mit herkömmlich arbeitenden Praxen verglichen.
Insbesondere wiederkehrende Routineaufgaben wie technische Diagnostik, Kontrollen von chronisch Kranken oder Wundnachsorge könnten von entsprechend weitergebildeten Medizinischen Fachangestellten übernommen werden, schreiben die Expertinnen und Experten. Die Ärztinnen und Ärzte könnten sich dann stärker auf komplexe diagnostische Entscheidungen, Patientengespräche und Medikamentenverordnung konzentrieren.
Das Fazit: Durch sinnvolle und vom Arzt überwachte Aufgabenteilung im Praxisteam könne der insbesondere schon auf dem Land bestehende Hausärztemangel kompensiert werden – und zwar kurzfristiger als durch neue Ärztinnen und Ärzte, so die Studie.
Viele der benötigten Fachkräfte seien bereits qualifiziert, andere könnten ihre Kompetenzen durch Fortbildung oder ein berufsbegleitendes Studium relativ zügig erwerben. Den Prognosen der Expertinnen und Experten zufolge ließe sich damit rechnerisch die drohende Lücke von rund 8200 unbesetzten Hausarztsitzen im Jahr 2030 mit rund 12.000 speziell geschulten Praxisassistentinnen und -assistenten abdecken.
Zwar zeigten die Praxisbeispiele, was schon unter heutigen Rahmenbedingungen möglich sei. Um den Ansatz in die Fläche zu bringen, sei aber auch wichtig, Unsicherheiten, etwa bei Haftungs- und Finanzierungsfragen, einheitlich zu klären, räumen die Autorinnen und Autoren ein.
In einer vor rund einem Jahr durchgeführten und den Angaben zufolge für die Hausärzteschaft repräsentativen Befragung des Instituts infas im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zeigt sich: Fast zwei Drittel der befragten Medizinerinnen und Mediziner sehen großes bis sehr großes Entlastungspotenzial durch die Übertragung von Aufgaben an andere Berufsgruppen, sofern sie für diese Versorgungsaufgabe qualifiziert sind.
Im Einzelnen würde die große Mehrheit unter anderem bei der Patientenschulung, beim Spritzen, Impfen und bei Infusionen, aber auch bei Routineuntersuchungen, Tests und beim Verfassen von Reha-Anträgen und Routine-Hausbesuchen, etwa in Pflegeheimen, Arbeit möglichst weitgehend oder zumindest teilweise abgeben. Auf mehrheitliche Ablehnung stößt dagegen der Vorschlag, auch Akut-Hausbesuche oder die Anpassung von Medikamentendosierungen auf andere Berufsgruppen zu übertragen. Dabei wurde nicht nach einzelnen Arbeitsgruppen wie Apothekerinnen und Apothekern gefragt, sondern lediglich mitgeteilt, dass dies rechtlich geregelt sei und die Fachkräfte dafür qualifiziert wären.
In der 60-seitigen Studie werden Apotheken lediglich einmal erwähnt, und zwar im Zusammenhang mit einem erweiterten Primärversorgungssystem, in dem Arztpraxen auch mit anderen Berufsgruppen, etwa Apotheken, zusammenarbeiten. Um solche Strukturen zu stärken, empfehlen die Autorinnen und Autoren unter anderem, Primärversorgungszentren zu fördern und den Fokus stärker auf Prävention zu legen.
Auch der Hausärztinnen- und Hausärzteverband sieht in mehr Aufgabenteilung innerhalb der Praxis einen wichtigen Hebel: »Nur, wenn wir die Arbeitslast innerhalb der Praxen auf mehr Schultern verteilen, können wir die Versorgung unserer alternden Bevölkerung auch in Zukunft in gewohnter Qualität sicherstellen«, teilen die Bundesvorsitzenden Nicola Buhlinger-Göpfarth und Markus Beier mit.
Dabei sei es wichtig, die Versorgung klar unter dem Dach der Hausarztpraxis zu bündeln, betonen sie. So sei sichergestellt, dass im Zweifel immer ein Arzt im Nebenzimmer ansprechbar sei. »Arztpraxen light«, in denen keine Ärztinnen und Ärzte arbeiten, und ähnliche Modelle lehnen die Bundesvorsitzenden »kategorisch ab«. Zudem stellen sie klar, dass moderne Teamversorgung es nicht zum »Nulltarif« geben werde. »Es braucht zielgerichtete Förderungen, denn die Praxen können diesen Strukturwandel nicht allein schultern.«
Damit sich Teampraxismodelle durchsetzen, brauche es also grundlegende Änderungen bei rechtlichen Rahmenbedingungen sowie Honorarstrukturen: Bezahlt werde bisher in der Regel nur, was über den Tisch des Hausarztes gehe: »Die Arbeit unserer Teams wird hingegen von den Krankenkassen kaum honoriert«, bemängeln sie.