| Theo Dingermann |
| 23.07.2026 18:00 Uhr |
Der »einzelne Kämpfer« sei immer der wichtigste taktische Vorteil der USA, sagt US-Verteidigungsminister Pete Hegseth – und ordnet Testosterontests an. / © Getty Images/KairosDee
Eines muss man der aktuellen Führung des US-Kriegsministeriums lassen: An Kreativität mangelt es ihr nicht. Wozu jahrelang mühsam auf Ausbildung, Disziplin und Kameradschaft setzen, wenn sich doch mit der einfachen Korrektur eines Hormons alles richten lässt? Künftig wird bei Soldatinnen und Soldaten ab 30 der Testosteronspiegel gemessen. Das subtile Motto dieser Aktion: Die »High-T«-Militär-Initiative als Teil der »heiligen Pflicht« des Kriegsministeriums. Der Tapferkeitsnachweis, jahrtausendelang eine Frage von Charakter und Handeln, wird damit zu dem, was er im 21. Jahrhundert offenbar sein soll: eine Zeile in einem Laborbericht.
Die Idee besticht durch ihre Schlichtheit. Achilles hatte vor Troja vermutlich einfach die besseren Blutwerte, die Jungs in der Normandie perfekte Serumspitzen. Dass niemand die Hormonprofile dieser Helden je gemessen hat, denn Testosteron wurde erst in den 1930er-Jahren isoliert und die Serumdiagnostik setzte sich erst in den 1970ern durch, stört das verblüffende Narrativ nicht. Man muss die Vergangenheit nicht kennen, um sie zu betrauern.
Genauso wenig scheint ein Endokrinologen sowie auch Apothekerinnen und Apothekern bekanntes Detail zu stören: Eine Testosteron-Ersatztherapie leistet erstaunlich viel, nur nicht das Bestellte. Sie hilft Männern mit echtem Hormonmangel, kräftigt Knochen, bessert Anämie und mehrt die Muskelmasse. Was sie nicht kann: einen Menschen tapfer machen.
Die Studienlage zeigt allenfalls winzige, kontextabhängige Effekte auf die Risikofreude. Messbar nehmen hingegen Statusgier und die Amygdala-Aktivität mit dem leicht faden Beigeschmack einer gedämpften Impulskontrolle zu. Im Klartext: mehr Schießpulver im Kopf, weniger Sicherung davor. Daraus resultiert ein Heer dünnhäutiger, statusbesessener Draufgänger mit reduzierter Selbstbeherrschung. Was könnte da schon schiefgehen?
Der eigentliche Treppenwitz ist die Diagnose. Die »Männlichkeitskrise« behandelt man mit der Nadel, als säße sie in der Vene. Die Klage über den Verfall der Mannhaftigkeit ist so alt wie unoriginell. Schon im 5. Jahrhundert vor Christus legte Herodot dem Perserkönig Kyros dem Großen folgende Warnung in den Mund: »Weiche Länder bringen weiche Männer hervor«. Neu ist nur der Wunsch, das Problem per Rezept zu lösen.
So bleibt ein dilettantisches Missverständnis in Reinform: Man verwechselt einen Laborwert mit einer Tugend, eine Metapher mit einer Diagnose und einen Werbeslogan mit Verteidigungspolitik. Homer besang nicht den Mann mit optimiertem Hormonpanel, sondern den klugen Odysseus, der überlebte und heimfand. Man müsste die Klassiker eben lesen, statt sie zu verspritzen.