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Interview

Stillstand ist kontraproduktiv

Dr. Armin Hoffmann hat vor wenigen Wochen das Amt des Präsidenten der Apothekerkammer Nordrhein von Lutz Engelen, der nicht mehr angetreten war, übernommen. Der Industrieapotheker aus Köln informiert im Gespräch mit der PZ über die Herausforderungen für den Berufsstand und wichtige zukünftige Erfordernisse.
Sven Siebenand
29.10.2019
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PZ: Was haben Sie sich für Ihre Präsidentschaft vorgenommen?

Hoffmann: Ich möchte die Apotheker sowie die öffentlichen Apotheken so positionieren, wie sie es verdienen. Der Apothekerberuf ist einer der am breitesten ausgebildete naturwissenschaftliche Beruf und die öffentliche Apotheke ist ein unverzichtbarer Bestandteil in der Gesundheitspflege der Bevölkerung. Nicht umsonst sind spezielle Aufgaben an den freien Heilberuf des Apothekers übergeben und werden in den Apotheken sowie in allen anderen Tätigkeitsfeldern in hoher Qualität umgesetzt. Das breite Spektrum der pharmazeutischen Dienstleistungen muss viel mehr in die Öffentlichkeit gebracht werden. Jedem einzelnen Bürger muss bewusst sein, dass er sich auf die Apotheke vor Ort verlassen kann. In diesem Sinne muss sich die öffentliche Apotheke aber auch mit der Bevölkerung und deren Wünschen weiterentwickeln. An dieser Stelle nenne ich als Bespiel den Wunsch nach 24/7-Erreichbarkeit.


PZ: Welche bereits bestehenden Projekte der Kammer liegen Ihnen besonders am Herzen?

Hoffmann: Wir werden viele erfolgreiche Projekte, etwa ATHINA – Arzneimitteltherapiesicherheit in Apotheken, weiterverfolgen und ausbauen. Unter Projekten verstehe ich aber auch unsere Arbeit mit den Gerichten in allen Verfahren gegen ausländische Versandapotheken. Bereits der ehemalige Vorstand, dem ich seit zehn Jahren angehöre, hat sich immer einstimmig für diesen nicht ganz einfachen Weg ausgesprochen. Und das werden wir weiterführen, wir sind eine der wenigen Kammern, die hier tätig sind.


PZ: Welche Themen wollen Sie in Nordrhein stärker vorantreiben und haben Sie neue Ideen im Auge, die Sie in die Planung bringen und umsetzen wollen?

Hoffmann: Zum Beispiel wollen wir die Öffentlichkeitsarbeit neu ausrichten, weg von der Betroffenheit hin zu den Leistungen des Apothekers und der Apotheke. Zudem wollen wir versuchen, neue Medien für die Neuausrichtung und für uns zu nutzen – alles, was für eine Körperschaft des öffentlichen Rechts möglich ist. Natürlich wird uns auch das Thema Digitalisierung beschäftigen. Mir ist wichtig, dass diese kein Selbstzweck ist. Wir wollen, dass die Apotheker die digitale Zukunft mitgestalten.

Ferner wollen wir Apotheken, auch kleinere Betriebe, dabei unterstützen, der Entwicklung der Gesellschaft und des Markts folgen zu können. Um zum Beispiel pharmazeutische Dienstleistungen niederschwellig anbieten zu können, überlegen wir, ob ein gewisser Service zentral über die Apothekerkammer angeboten wird – auch hier natürlich alles im Rahmen dessen, was für eine Körperschaft des öffentlichen Rechts möglich ist.


PZ: Was könnte das zum Beispiel konkret sein?

Hoffmann: Wir haben uns vieles überlegt. Alles ist sehr innovativ und muss auch noch rechtlich geprüft werden. Deshalb ist es auch noch zu früh, damit schon an die Öffentlichkeit zu gehen.

Herausforderungen der Zukunft


PZ: Welches sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, vor denen der Berufsstand in den kommenden Jahren stehen wird?

Hoffmann: Durch die Ausbildung ist der Berufsstand bestens für die Zukunft gerüstet. Wie bereits gesagt, dürfen wir aber der Bevölkerungs-, Gesellschafts- und Marktentwicklung nicht hinterherhinken. Hier sind alle gefordert, mitzumachen. Ein Stehenbleiben ist hier ein Schritt zurück, die anderen Marktbeteiligten schlafen nicht. Die Apotheken sind »unverzichtbar«, insofern ist die Kampagne gut, aber bei der Bevölkerung ist dies noch nicht angekommen. Das müssen wir verbessern.

PZ: Sie arbeiten als Apotheker in der pharmazeutischen Industrie. Gibt es besondere Herausforderungen, denen sich die Industrieapotheker künftig stellen müssen?

Hoffmann: Auch in der pharmazeutischen Industrie gibt es kein „Weiter so“ mehr. Alte Systeme in der Forschung und in der Entwicklung von Arzneimitteln haben ausgedient, auch hier haben neue Prozesse Einzug gehalten und Digitalisierung ist nur ein kleiner Teil der neuen Möglichkeiten. Gerade durch biotechnologische Methoden ist das Feld der Wirkstoffe und der möglichen Indikationen auf ein Vielfaches vergrößert worden, dazu gilt es aber auch in vielen Firmen, Prozesse und Organisation anzupassen. Und in der Industrie ist die Nachwuchsproblematik ebenfalls spürbar. Die pharmazeutische Technologie ist das Spielfeld des Apothekers als Arzneimittelexperte, aber genau in diesem Bereich gibt es kaum Nachwuchs.

Spahns Auftritt beim Apothekertag


PZ: Kürzlich fand der Deutsche Apothekertag in Düsseldorf, also in Ihrem Kammergebiet, statt. Welches Resümee ziehen Sie nach dem ersten Apothekertag im Präsidentenamt?

Hoffmann: So unterschiedlich war er nicht zu den vorhergehenden, nur hatte ich diesmal natürlich eine ganz andere Verantwortung. Es war gut, dass sich der Deutsche Apothekertag – nach langen Diskussionen – in einem ersten Antrag nochmals massiv für die standespolitische Forderung des Versandhandelsverbots für verschreibungspflichtige Arzneimittel eingesetzt hat. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer Umsetzung sicher nicht immens groß ist, musste dieses Zeichen gesetzt werden. Ich habe mich dann aber auch sehr gewundert, wie schnell viele Delegierte nach der Rede von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn einen Sinneswandel erfahren haben. Das war kein starkes Zeichen des Berufsstands.


PZ: Dem Rx-Versandverbot hat der Minister eine deutliche Absage erteilt. Was sagen Sie zu Spahns Statements?

Hoffmann: Er ist bei seiner Meinung geblieben. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass er zumindest einigen Argumenten gegenüber etwas offener gewesen wäre. Er weiß genau, dass alle Gesetze, ob Versandhandelsverbot oder Boni-Verbot im Sozialrecht, europapolitisch Bestand haben müssen und eben nicht nur das Rx-Versandverbot. Man kann sicher in seinen Auftritt und seine Statements viel Bundespolitik hineininterpretieren, aber er hat eine Vision des Arzneimittelmarkts in einer sehr modernen Form. Und ganz Unrecht hat er damit nicht, ich hatte schon über die 24/7-Erreichbarkeit gesprochen, nur muss er verstehen, dass wir noch etwas Zeit brauchen. Und diese Zeit sollte er uns auch geben.


PZ: Wagen Sie eine Prognose? Wird das Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken (VOASG) kommen?

Hoffmann: Wie gesagt, Brüssel redet ein gewaltiges Wort mit. Davon wird die Zukunft des Gesetzeswerks abhängig sein. Aber auch wenn das Gesetz nicht kommt, müssen einzelne Regelungen, etwa zum E-Rezept, verabschiedet werden, um dieses klagesicher einführen zu können. Die aufgebaute Angst, dass wir im E-Rezept-Bereich verloren sind, wenn das VOASG nicht kommt, war und ist unnötig. Das wissen auch die Referenten im Bundesgesundheitsministerium.

Maßnahmen ergreifen gegen Lieferengpässe


PZ: Auch Lieferengpässe waren ein Leitthema in Düsseldorf. Als Industrieapotheker haben Sie vielleicht einen anderen Blick auf die Problematik. Wo liegen die Ursachen? Könnte eine verpflichtende Bevorratung bei den Herstellern eine Lösung für das Dilemma darstellen?

Hoffmann: Um es deutlich zu sagen: Kostensenkungen im Gesundheitswesen haben die Industrie gezwungen, in Ländern mit niedrigem Lohnniveau zu produzieren und die Rabattverträge haben dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Die Pharmaindustrie leidet genauso darunter, wenn Lieferanten und Hersteller nicht oder nicht in ausreichender Qualität liefern. Jedes Pharmaunternehmen ist ein Wirtschaftsbetrieb und möchte seine Waren verkaufen. Lieferengpässe passen nicht dazu. Insofern nützt eine verpflichtende Bevorratung nichts, denn ich kann nur bevorraten, wenn ich beliefert werde. Das Problem muss an der Wurzel gepackt werden. Die Kostenträger müssen die Kosten für eine Vor-Ort-Fertigung tragen, nur das hilft weiter. Das Ganze ist umkehrbar, aber realistisch betrachtet, wird dies genauso lange brauchen, wie wir in diese Situation geraten sind, also circa 10 bis 15 Jahre.


PZ: Mit Düsseldorf und Bonn liegen auch zwei universitäre Pharmaziestandorte in Ihrem Kammergebiet. Wie stehen Sie zu einer Novellierung der Approbationsordnung? Gibt es im Pharmaziestudium Änderungsbedarf?

Hoffmann: Seit mehreren Jahren bin ich als Vertreter der Pharmazeutischen Industrie in den Kommissionen der Bundesapothekerkammer zum Berufsbild und zur Qualifikation des Apothekers tätig. Wir haben zuerst intensiv am Berufsbild gearbeitet und darin viele neue Tätigkeitsfelder aufgenommen. Dieses wurde verabschiedet und schon von vielen Kammern übernommen. In der logischen Reihenfolge haben wir uns dann die dazu notwendige Qualifikation angesehen und diese überarbeitet. Ein besonderes Augenmerk – auch meinerseits – lag im Erhalt der ureigenen Tätigkeiten des Apothekers wie der Arzneimittelherstellung in der Breite der naturwissenschaftlichen Ausbildung, aber auch in den neuen Prozessen, Methoden und Technologien in der Analytik, der Technologie sowie in der klinischen Pharmazie. Qualitativ und in der Breite sollte im Studium nichts verändert werden, quantitativ muss jedoch gestrafft werden. Das heißt, alle pharmazeutischen Disziplinen sollen natürlich erhalten bleiben, die einzelnen Fächer verlieren jedoch ein paar Stunden.

Der nächste logische Schritt ist natürlich jetzt die Novellierung der Approbationsordnung. Ich hoffe, dass dies nun zügig erfolgt. Bis die ersten Apotheker die Approbation erhalten, vergehen fünf Jahre nach Inkrafttreten. Und dann muss man eigentlich schon wieder von vorne beginnen. 

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