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Häufige Arzneistoffe

Steckbrief Risperidon

Das atypische Neuroleptikum Risperidon wird seit 30 Jahren verwendet, unter anderem um eine starke Aggressivität bei psychisch Kranken zu dämpfen. Der Einsatz und vor allem die Vermarktung des Arzneistoffs sind nicht unumstritten.
Daniela Hüttemann
16.06.2022  09:00 Uhr

Werlches sind die Einsatzgebiete von Risperidon?

Risperidon ist zugelassen zur Behandlung von Patienten mit Schizophrenie oder mit mäßigen bis schweren manischen Episoden bei bipolarer Störung. Außerdem ist es indiziert zur Kurzzeitbehandlung (bis zu sechs Wochen) von anhaltender Aggression bei Patienten mit mäßiger bis schwerer Alzheimer-Demenz. Ebenso darf es maximal sechs Wochen bei anhaltender Aggression im Zuge von Verhaltensstörungen bei Kindern ab einem Alter von fünf Jahren und Jugendlichen mit unterdurchschnittlicher intellektueller Funktion oder mentaler Retardierung gegeben werden.

In den USA ist das Neuroleptikum darüber hinaus bei starker Aggressivität von Kindern im Alter zwischen fünf und 16 Jahren mit Autismus zugelassen. Off Label wird es mitunter bei Zwangserkrankungen und schweren Persönlichkeitsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen sowie in Kombination mit Antidepressiva bei schweren Depressionen eingesetzt.

Wie wirkt Risperidon?

Risperidon ist ein atypisches Neuroleptikum mit hoher Affinität zu Dopamin-D2-Rezeptoren, 5-HT2- und α1-Rezeptoren. Es fungiert dort jeweils als Antagonist. Dadurch wirkt es antipsychotisch, antimanisch und blutdrucksenkend. Es hat zudem eine mittlere Affinität für D1- und D2-Rezeptoren und ein geringe Affinität für den Histamin-H1-Rezeptor. Durch Letztere kann es zu Mundtrockenheit und Müdigkeit kommen. Den Muscarin-M1-Rezeptor beeinflusst es dagegen nur gering bis gar nicht, daher hat es keine oder nur eine schwache anticholinerge Wirkung.

Wie wird Risperidon verstoffwechselt?

Risperidon ist ein Benzisoxazol-Derivat, das hauptsächlich über CYP2D6 zum aktiven Metaboliten 9-Hydroxy-Risperidon (Paliperidon) abgebaut wird. Letzterer wird nicht weiter metabolisiert und größtenteils renal ausgeschieden. Paliperidon (Invega®, Trevicta® und Xeplion®) wird ebenfalls therapeutisch eingesetzt.

Wie wird Risperidon dosiert?

Die Dosierung hängt von der Indikation ab. Übliche Dosen sind bei Schizophrenie 4 bis 6 mg Risperidon täglich, entweder als Einzeldosis oder aufgeteilt auf zwei Dosen; bei Manie im Rahmen bipolarer Störungen können flexible Dosen über einen Bereich von 1 bis 6 mg pro Tag verabreicht werden. Ältere Patienten mit diesen Indikationen sollten niedrigere Dosen erhalten. Bei Demenzpatienten mit Aggression beträgt die optimale Erhaltungsdosis für die Mehrzahl der Patienten zweimal täglich 0,5 mg, es sind aber auch bis zu zweimal täglich 1 mg möglich. Für pädiatrische Patienten mit Aggression liegt die optimale Dosis für die meisten Kinder unter 50 kg Körpergewicht bei einmal täglich 0,5 mg, bei schwereren Kindern bei einmal täglich 1 mg.

Abweichungen von diesen Richtwerten nach unten und nach oben sind möglich, wobei höhere Dosen das Risiko für extrapyramidale Nebenwirkungen erhöhen. Grundsätzlich wird auftitriert – bei Patienten mit beeiträchtigter Nieren- oder Leberfunktion besonders vorsichtig – und beim Absetzen ausgeschlichen. Risperidon steht oral als Filmtabletten in Wirkstärken von 0,5 bis 4 mg sowie als Lösung zum Einnehmen zur Verfügung. Zudem gibt es Depotformen (unter anderem Risperdal® consta, Okedi®) für Schizophreniepatienten, die je nach Präparat alle zwei bis vier Wochen intramuskulär injiziert werden. Da die Resorption von Risperidon nicht durch Nahrung beeinflusst wird, können die oralen Darreichungsformen unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Vor allem zu Therapiebeginn kann es vermehrt zu orthostatischen Beschwerden kommen (cave bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen). Darüber hinaus zählen unter anderem Schlaflosigkeit, Schläfrigkeit, Sedierung, Kopfschmerzen, parkinsonartige Symptome und Infektionen der oberen Atemwege zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen. Risperidon kann das QT-Intervall verlängern. Eine Gewichtszunahme ist möglich. Typisch ist auch eine Erhöhung des Prolaktinspiegels. In einer Studie mit älteren Demenzpatienten war die Inzidenz zerebrovaskulärer Ereignisse wie Schlaganfälle einschließlich Todesfolge erhöht.

Wegen der zentraldämpfenden Wirkung sollten Patienten zu Beginn einer Therapie mit Risperidon vorsichtshalber kein Fahrzeug lenken oder Maschinen bedienen, bis ihre individuelle Empfindlichkeit bekannt ist. Der Genuss von Alkohol verstärkt den Effekt. Die klinische Relevanz wird als mittelschwer eingestuft.

Wann darf Risperidon nicht angewendet werden?

Vorsicht ist geboten bei Patienten mit erhöhtem Schlaganfallrisiko, kardiovaskulären Erkrankungen, einer QT-Zeitverlängerung in der Familienanamnese, anderen Demenzarten als Alzheimer, Morbus Parkinson, vorbestehender Hyperprolaktinämie, prolaktinabhängigen Tumoren oder Krampfanfällen in der Vorgeschichte. Während der Schwangerschaft sollte Risperidon nicht angewendet werden, es sei denn, es ist eindeutig erforderlich.

Welche Wechselwirkungen sind möglich?

Kontraindiziert ist die Kombination mit Clozapin oder Deferipron (Risiko einer Agranulozytose) sowie aufgrund ventrikulärer Tachykardien (Torsade de pointes) mit Amiodaron, Dronedaron, Droperidol, Fluconazol, Hydroxyzin, Sertindol sowie – wichtig für die Selbstmedikation – Dimenhydrinat und Diphenhydramin. Grundsätzlich ist bei jeder Kombination mit anderen Psychopharmaka, QT-verlängernden, dopaminergen oder anticholinerg wirksamen Arzneimitteln Vorsicht geboten, ebenso bei blutdrucksenkenden Arzneimitteln und bei älteren Patienten auch bei der Kombination mit Diuretika. In Kombination mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) steigt insbesondere das Risiko für ein Serotoninsyndrom.

Was gibt es noch über Risperidon zu wissen?

Der Arzneistoff kam erstmals 1993 unter dem Namen Risperdal® auf den Markt. Ende 2003 lief Janssens Patentschutz aus. 2013 wurde es in die Liste unentbehrlicher Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgenommen. Die Filmtabletten des Originalpräparats Risperdal haben je nach Wirkstärke unterschiedliche Farben: 0,5 mg rot, 1 mg weiß, 2 mg gelborange, 3 mg blassgelb und 4 mg grün.

Janssens Mutterkonzern Johnson & Johnson sah sich in den USA bereits mit zahlreichen Klagen aufgrund von Risperdal konfrontiert. Vorgeworfen wird dem Unternehmen unter anderem, verschiedene Risiken heruntergespielt und das Medikament off Label vermarktet zu haben, zum Beispiel bei Demenz. 2015 erschien dazu ein umfangreicher investigativer Artikel in der »Huffington Post« mit dem Titel »America’s most admired lawbreaker«.

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