Ob er besser wegschauen sollte? Kinder mit in den Impfvorgang einzubeziehen, ist eine wichtige psychologische Hilfe im Umgang mit Schmerz. / © Getty Images/Westend61
Mittelohrentzündung, fiebrige Infekte, Kopfschmerzen, Zahnen, Verletzungen: Es gibt viele Gründe, warum sich Eltern besorgt an ihre Apothekerin oder Apotheker wenden, wenn der Nachwuchs Schmerzen hat. »Schmerzen im Kindesalter betreffen oft die Selbstmedikation. Was geht dann bei Kindern – und was nicht? Insofern sind Apotheken wichtige Schaltstellen«, sagte Dr. Miriam van Buiren von der Pädiatrischen Hämatologie und Onkologie des Universitätsklinikums Freiburg beim digitalen Schwarzwälder Frühjahrskongress am vergangenen Wochenende.
Studien bestätigten immer wieder, dass Kinder in der Selbstmedikation zunächst »eher subtherapeutisch als überdosiert« würden. Im Glauben, die Therapie sei ineffektiv, neigten jedoch sowohl Eltern als auch Mediziner in der Folge dazu, auf eine Wechseltherapie mit Paracetamol/Ibuprofen oder auf ein höher potentes Analgetikum zu setzen. »In den allermeisten Fällen reicht das Ausreizen der Einzel- beziehungsweise der Tagesmaximaldosen der beiden Arzneistoffe aus, um Schmerzen und Fieber zu bekämpfen. Besser eine Substanz richtig als zwei jeweils unterdosiert«, war Buirens klares Statement. Sie empfahl, sich bei den Dosierungen nach dem Gewicht zu richten; Altersangaben seien unzureichend.
Die Kinder- und Jugendärztin betonte, wie wichtig eine adäquate Analgesie ist. »Kinder erleben Schmerz nicht weniger intensiv als die Erwachsenen. Erfahrungen prägen die Intensität des individuellen Schmerzempfindens. Schmerz ist eben kein physisch isoliertes Phänomen, sondern kann unbehandelt Stressreaktionen verstärken, Schlafstörungen verursachen, Angst vor medizinischen Maßnahmen fördern oder eine Chronifizierung begünstigen. Schmerztherapie beginnt mit der Prophylaxe. Apothekerinnern und Apotheker können hier quasi präventiv wirken!«
Die richtige Umgang beziehungsweise die richtige Ansprache der Eltern mit ihren kranken Kindern seien für die Zukunft die beste Prophylaxe. Beschwichtigungen wie »Das tut doch gar nicht weh« seien zu vermeiden. »Solche Aussagen sind in ihrer Prägung für weitere schmerzhafte Episoden denkbar schlecht«, weiß van Buiren. »Die Schmerzintensität lässt sich in beide Richtungen beeinflussen: Katastrophisierung versus Selbstwirksamkeit. Diese Chance sollten wir nutzen.«
Sie forderte eine ehrliche Aufklärung dem Kind gegenüber. Dazu gehöre auch, die kleinen Patienten altersgemäß mit einzubeziehen und gemeinsame Strategien zu entwickeln. Willst du dabei liegen, sitzen oder auf Mamas Schoß kuscheln? Willst du zuschauen oder lieber wegblicken? Magst du runter zählen, wann es für dich passt? »Solche Entscheidungen geben dem Kind zumindest in Teilen das Gefühl, ein bisschen kontrollieren zu können, was passiert«, erklärte die Kinder- und Jugendärztin. Für die ganz Kleinen sei Stillen immer eine gute Option, vom Haut-zu-Haut-Kontakt beim Anschmiegen profitierten aber auch die Älteren.
Sie hält es durchaus für angemessen, ängstlichen Kindern oder Jugendlichen vor einer Blutabnahme ein Lokalanästhetikum in Creme- oder Pflasterform zu empfehlen. Wichtig sei eine ausreichend lange Einwirkzeit von mindestens 45, besser noch 60 Minuten. »Nur zehn Minuten bringen keine Schmerzlinderung. Im Gegenteil, es führt nur dazu, dass die Kinder meinen, es bringe eh nichts.« Das Problem aufgequollener Hautpartien und damit schwer auffindbarer Venen vermeidet man, indem das Pflaster einige Minuten vor dem Arztbesuch abgenommen wird. »Das Unterhautfettgewebe regeneriert sich in dieser Zeit; Lidocain oder Prilocain wirken aber immer noch betäubend«, erklärte die Medizinerin.
Was ist von der prophylaktischen Antipyrese vor einer Impfung zu halten? »Das lehnen wir ab, auch wenn viele Kinder auf Impfungen mit Fieber reagieren. Die Antikörperantwort könnte möglicherweise reduziert sein«, so van Buiren. Anders sehe die Sache aus, wenn sich die Einstichstelle nach der Impfung rötet und anschwillt. Dann leiste Ibuprofen gute antiinflammatorische Dienste.
Zahnungsschmerzen bezeichnete die Referentin als »häufige Verlegenheitsdiagnose bei unklaren Beschwerden«. In aller Regel komme man mit physikalischen Maßnahmen zurecht. Lokolanästhetika-haltige Zahnungsgele sollten nicht über längere Zeit verabreicht werden.
Kopfschmerzen sind laut der Referentin ein weiteres wichtiges Beratungsthema in der Apotheke. »Bei kleinen Kindern sind die Kopfschmerzen meist organisch bedingt, weshalb unbedingt der Ursache auf den Grund gegangen werden muss. Steckt eine Ohrentzündung, eine Meningitis oder ein Zahnabszess dahinter? Ein Gehirntumor ist dagegen im Kleinkindalter äußerst selten«, beruhigte die Expertin. Bei Jugendlichen seien Kopfschmerzen meist multifaktoriell bedingt, würden nicht selten chronisch oder stellten sich bei genauerer Diagnostik als Migräne heraus. »In jedem Fall ist das Führen eines Kopfschmerztagebuchs ein guter Rat, um gewisse Regelmäßigkeiten herauszufinden und um einem Medikamentenübergebrauch vorzubeugen.« Neurologische Auffälligkeiten, Nüchternerbrechen sowie hohes Fieber erfordern eine ärztliche Abklärung.