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Leiden als Prüfung
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Schmerz hat eine Geschichte

In jeder Epoche haben Menschen Schmerz verstehen wollen. Mal machten sie Dämonen und Körpersäfte, mal Glaubensprüfungen und verhexte Flüssigkeiten dafür verantwortlich. Die Sicht auf das Leiden ist von der Geschichte geprägt. Und viele der alten Ideen beeinflussen uns bis heute.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 31.07.2026  07:00 Uhr

Der Nacken ist verspannt, das Knie schickt Stromschläge durch den ganzen Körper, der Magen krampft – viele Menschen kennen den Drang, durchhalten zu müssen, wenn der Körper sich meldet. »Um die Wurzeln unserer heutigen Sichtweise auf den Schmerz zu verstehen, ist es hilfreich, zurückzublicken und zu schauen, wie frühere Kulturen ihn interpretierten«, so Professor Dr. Lars Arendt-Nielsen, Leiter der Schmerzforschung an der dänischen Universität Aalborg.

Jede Kultur entwickelte eigene Vorstellungen davon, was das Ziehen, Stechen, Pochen oder Drücken bedeutet und wie man am besten damit umgeht. Menschen in der Antike beispielsweise sahen darin den Einfluss äußerer Kräfte, die den Körper heimsuchten. Heiler nutzten Rituale oder Amulette oder versuchten, »verhexte Flüssigkeiten« aus dem Körper auszuleiten, um die Kräfte zu vertreiben. Auch die alten Ägypter glaubten an eine spirituelle Macht, wenn keine äußeren Wunden sichtbar waren.

In anderen Epochen suchte man nach körperlichen Erklärungen. Griechische Ärzte wie Hippokrates interpretierten Schmerz als Ungleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle. Um die Balance wiederherzustellen, setzten Heiler pflanzliche und tierische Mittel ein.

Schmerz als Tugend

Im Mittelalter bekam Schmerz eine moralische Dimension. Viele der europäischen Klöster pflegten Kranke und verfügten über starke Substanzen wie Opium. Dennoch verzichteten viele Menschen bewusst auf die schmerzlindernde Behandlung. Einige Christen erachteten das Leiden als Glaubensprüfung oder als Weg zur spirituellen Reinigung. Wer Schmerzen aushielt, zeigte Stärke im Glauben.

Diese Haltung wirke bis heute nach, so Arendt-Nielsen in seinem Artikel auf der Wissenschaftsplattform »The Conversation«. Etwa wenn Frauen bei der Geburt bewusst auf Schmerzlinderung verzichteten, weil sie den Moment der Geburtsschmerzen als bedeutsamen Teil der Erfahrung empfinden.

Die Vorstellung des Durchhaltenmüssens, wenn man krank oder verletzt ist, landete sogar in den Philosophien vieler Gesellschaften. Der Stoizismus zum Beispiel betont, dass wir Schmerz nicht immer kontrollieren können, aber unsere Reaktion darauf schon. In vielen Teilen der Welt gilt das stille Ertragen daher immer noch als Ausdruck von Widerstandsfähigkeit und Selbstbeherrschung. Genauso gehört es vielerorts zum »guten Ton«, kein Aufheben darum zu machen.

Ein Paradox, wie der Schmerzforscher hervorhebt. Denn Untersuchungen zeigten, dass menschliche Schmerzrufe sich weltweit ähnelten – und sie gleichzeitig als Ausdruck sozialer Bindung gelten.

Ob jemand seinen Schmerz offen zeigt oder lieber verschweigt, hängt also stark von seiner kulturellen Prägung ab. Auch wenn wir heute keine Dämonen oder göttliche Strafe mehr für unsere Leiden verantwortlich machten, versuchten wir nach wie vor, dem Schmerz einen Sinn zu geben – ganz ähnlich, wie es unsere Vorfahren taten, so Arendt-Nielsen.

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