Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Apothekerkammer Hamburg
-
Reformpläne, OTC-Beratung und Forschung in der Offizin

Die Stärkung der öffentlichen Apotheke stand im Fokus der Delegiertenversammlung der Apothekerkammer Hamburg am vergangenen Mittwoch. Thema war auch ein Gespräch von Kammerpräsident Holger Gnekow mit Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU).
AutorKontaktJohanna Hauser
Datum 27.03.2026  16:00 Uhr

Der Kammerpräsident zog in seinem Bericht ein positives Fazit zum Protesttag am 23. März 2026. Der Eindruck in Hannover sei überwältigend gewesen. Nach Angaben der ABDA hätten bundesweit 25.000 Protestierende teilgenommen und bis  dato 105.000 Menschen (Stand 24. März 2026) die begleitende Petition unterzeichnet.

Er selbst habe in den vergangenen Wochen und Monaten viele Gespräche geführt, auch mit Politikern, die nicht direkt mit dem Thema Gesundheit zu tun haben. Über Franziska Hoppermann (CDU) sei ein Kontakt zu Bundesgesundheitsministerin Warken zustande gekommen. In dem 45-minütigen Gespräch habe er die Standpunkte der Apotheker untermauert und verdeutlicht, dass eine Abkehr von der inhabergeführten Apotheke das ganze System gefährde, so Gnekow.

Die Flexibilität des derzeitigen Systems habe es Apothekern ermöglicht, den Anforderungen der Pandemie kurzfristig und zuverlässig gerecht zu werden. Dies dürfe nicht leichtfertig verspielt werden, beispielsweise über die geplante PTA-Vertretung. Interessanterweise wisse Warken, warum die Apothekerschaft hier so allergisch reagiere. Denn mit dem Versandhandel habe man schon einmal »ein Thema bekommen, das nicht wieder wegzukriegen ist«.

Querfinanzierung aus dem pDL-Topf?

Warken habe erneut bekräftigt, dass sie die Erhöhung des Fixums wolle. An einer Querfinanzierung aus dem Dienstleistungstopf werde man wohl in Anbetracht der niedrigen Ausschüttung nicht vorbeikommen, so Gnekow. Man könne schlecht argumentieren, mehr Geld zu wollen, während gleichzeitig eine hohe Summe bereit liege, die nicht abgerufen werde.

Aber es gebe auch positive Ansätze. Das von der Ministerin geplante Primärversorgungssystem schließe Apotheken ausdrücklich als niederschwellige Anlaufstellen ein. Über das erweiterte Leistungsspektrum mit neuen Dienstleistungen und einer erweiterten Impfkompetenz werde die Bedeutung der Apotheken innerhalb der Gesundheitsversorgung ausgebaut.

Der geplante Herz-Kreislauf-Check in der Apotheke (»3B« – Blutdruck, Blutzucker, Blutfette) fördere auch das Ansehen in der Bevölkerung, betonte Gnekow. Mit der Verordnung der neuen Dienstleistungen durch Ärzte solle die Zusammenarbeit der Berufsgruppen gefördert werden. Dies sei ein erklärtes Ziel der Ministerin.

Die neuen Aufgaben, resümierte Gnekow, böten neue Chancen, aber auch neue Notwendigkeiten hinsichtlich Qualitätssicherung, Fortbildungsnachweis und Beratung. Denn: »Die Abgabe von Packungen können andere besser.«

Mit einem WWHAM in die Beratung gehen

Eva Goebel, stellvertretende Geschäftsführerin der Apothekerkammer Berlin, stellte das Konzept WWHAM zur OTC-Beratung vor. Dieses sei ein Alleinstellungsmerkmal und stelle die Messlatte für Apotheker sowie eine Möglichkeit dar, sich zu positionieren und zu profilieren. Allerdings seien die Grenzen der Selbstmedikation oft schwierig zu erkennen.

Wie also könne ein effizienter Beratungsablauf etabliert werden? Schließlich sorge gute Beratung auch für wirtschaftliche Stabilität, zeigte sich Goebel überzeugt. Das Bewusstsein für deren Bedeutung müsse – auch beim Kunden – geschaffen und gleichzeitig ein strukturierter, einfacher Ablauf in den Köpfen verankert werden.

Die Überlegungen einer Arbeitsgruppe der Apothekerkammer Berlin mündeten schließlich in WWHAM. Damit werde ermöglicht, mit fünf Fragen eine individuelle, effektive und sichere Arzneimitteltherapie sicherzustellen.

Das Vorbild für die Entwicklung des Konzepts kommt aus England, wobei die Beratung strukturiert anhand dieser fünf Fragen erfolge. Ein von der Apothekerkammer Berlin entwickelter Leitfaden fasst auf einer Seite die fünf Säulen guter Beratung zusammen (Fachwissen, Kompetenz, Unternehmenskultur, Struktur und Motivation) und priorisiert Maßnahmen. Unterstützende Materialien wie eine Beratungskarte für den Handverkauf begleiten die frisch gestartete Kampagne. Interessierte Kammern könnten gerne auf Berlin zukommen, so Goebel.

WWHAM-Schema nach britischem Vorbild
Who is it for? Essenziell für den Beratungeinstieg
What symptoms? Essenziell zur Klärung der Indikation, zur Auswahl eines geeigneten Arzneimittels und zur Erkennung von Grenzen der Selbstmedikation
How long? Essenziell zur Klärung der Indikation, zur Auswahl eines geeigneten Arzneimittels und zur Erkennung von Grenzen der Selbstmedikation
Action taken? Essenziell für die Beratung zum weiteren Vorgehen, ggf. Auswahl eines (besser) geeigneten Arzneimittels und zur Erkennung der Grenzen der Selbstmedikation
Other Medication? Essenziell zur Klärung möglicher Wechselwirkungen und Kontraindikationen (sofern relevant)
Die fünf WWHAM-Fragen zur Beratung in der Selbstmedikation

Forschung in der Offizin

In einem kurzen Bericht brach Vizepräsidentin Dorothee Dartsch eine Lanze für die Heidelberger Initiative »Netzwerk für exzellente Forschung in Apotheken« (NEFA), die 2019 in Baden-Württemberg aus der Taufe gehoben wurde. NEFA trage dazu bei, den Berufsstand zu stärken und Real-World-Daten bereit zu stellen, um beispielsweise gestärkt in Verhandlungen mit Krankenkassen gehen zu können.

Jeder Offizinapotheker mit Interesse an Forschung und Projekten könne sich beteiligen. Nach Anmeldung stehe unterstützendes Material zur Verfügung. Der Zeitaufwand betrage rund eine Stunde pro Woche. Die Projekte bereicherten die tägliche Arbeit und begeisterten das ganze Team, so Dartsch.

Mehr von Avoxa